30 Jahre CITIM

, von Ekkehart Schmidt

Das 1982 von der ASTM gegründete Centre d’Information Tiers Monde (CITIM), zu deutsch Informationszentrum Dritte Welt, ist in seiner Art einzigartig in Luxemburg, stellt es doch eine breite Palette an Informationen über die Länder des Südens, die Beziehungen zwischen Nord und Süd sowie über Eine-Welt-Themen bereit. Es erhielt zunächst eine Startfinanzierung der EU und wurde seitdem kontinuierlich vom Kooperationsministerium gefördert. Mit den Umzügen von der rue Gaston Diderich über die rue Fort Neipperg in die Avenue de la Liberté wurde der Bücherbestand kontinuierlich ausgebaut. Heute bietet das CITIM neben 6.500 Büchern und 1.582 pädagogischen Spielen, Dossiers und Mappen, 21 pädagogischen Koffern auch 293 DVDs, 882 CDs und 129 Zeitschriften, von denen knapp die Hälfte vor Ort einsehbar ist.

Sozusagen pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum gelang es, die Bibliothek aus dem Schattendasein der Räumlichkeiten im ersten Stock auf ebener Erde in den Räumen eines leer stehenden Ladenlokals neu einzurichten. Sie gewann damit an Sichtbarkeit und ist für Besucher auch besser zugänglich. Das am 16. Oktober eröffnete neue Lokal bietet eine Leseecke, um Bücher vor Ort zu konsultieren, sowie einen Computer, um nach Publikationen im elektronischen Katalog zu suchen.

Die offizielle Einweihung am 6. November mit rund 100 Gästen war ein guter Anlass, uns einmal genauer umzuschauen. Natürlich mit einer etika-Brille auf. Die Bibliothekarinnen Linda Zahlten und Jacqueline Rippert können uns 281 Bücher nennen, die sich mit Fragen der Wirtschaft und Finanzwelt im Kontext der Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden befassen, davon 23 Neuerscheinungen der vergangenen drei Jahre.

Rezensionen interessanter Neuerscheinungen

Michael J. Sandel: Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, Ullstein 2012

Dürfen Unternehmen gegen Geld das Recht erwerben, die Luft zu verpesten? Fast alles scheint heute käuflich zu sein. Die Regeln des Marktes haben fast alle Lebensbereiche infiltriert, auch jene, die eigentlich jenseits von Konsum und Mehrwert liegen sollten. Man denke nur an Medizin, Erziehung und Sport oder auch die Politik sowie Recht und Gesetz. Ohne es zu merken, haben wir uns von einer Marktwirtschaft in eine Marktgesellschaft gewandelt. Haben wir das so gewollt? Ist da nicht etwas grundlegend schiefgelaufen? Und was könnten wir dagegen tun? Anhand prägnanter Beispiele wirft der Philosoph und Harvard-Professor Michael Sandel eine der wichtigsten ethischen Fragen unserer Zeit auf: Wie können wir den Markt daran hindern, Felder zu beherrschen, in denen er nichts zu suchen hat? Wo liegen seine moralischen Grenzen? Und wie können wir zivilisatorische Errungenschaften bewahren, für die sich der Markt nicht interessiert und die man für kein Geld der Welt kaufen kann? Mit seinen Vorlesungen füllt Sandel heute mühelos riesige Hallen, seine Vorträge sind echte Hits auf Youtube. Das ist erstaunlich für einen Moralphilosophen. In seinem aktuellen Buch gelingt es Sandel, anschaulich und alltagsnah, aber doch mit intellektueller Brillanz die großen und kleinen Wertefragen unseres Lebens zu erörtern. Das Plädoyer gegen die immer stärker um sich greifende Kommerzialisierung aller Lebensbereiche liest sich sehr gut. Immer öfter, kritisiert Sandel, ist Geld das Einzige und Letzte, was zählt: Wer kann, kauft sich Vorrechte aller Art. Diese Entwicklung gefährdet am Ende die Demokratie, sagte Sandel kürzlich mit Blick auf die US-Wahlen. Schaut man auf die Handhabung der Euro-Schulden-Krise, fallen uns noch weitere moralische Grenzen des ungebremsten Marktdenkens ein.

Tomáš Sedláček: Die Ökonomie von Gut und Böse, Hanser Verlag 2011

Das 2009 zunächst auf Tschechisch erschienene Buch ist eine Reise durch die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, vom Gilgamesch-Epos über das Alte Testament zu Thomas von Aquin und Adam Smith, aber auch über die Filme Fight Club und Matrix bis hin zur Wall Street und zur Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007. Sedláček stellt die mathematisch-analytische, scheinbar wertfreie Betrachtungsweise der modernen Volkswirtschaftslehre infrage und mahnt an, dass jede einzelne, noch so trivial erscheinende Kaufentscheidung letztlich eine moralische Entscheidung sei. Das Buch geht auf Sedláček’ Dissertation am Institut für Wirtschaftswissenschaften der Karls-Universität Prag zurück, die dort aber abgelehnt wurde. Kritikwürdig scheint tatsächlich, dass der Autor den „Mythos der Vorwegnahme“ dauerhaft verwendet, während so eben genau nichthistorische Erklärungen gegeben werden können. So entdeckt er im Gilgamesch-Epos die ökonomische Theorie der unsichtbaren Hand, die tatsächlich deutlich später von Adam Smith formuliert wurde. Und Josephs Ratschläge an den Pharao deutete er als Vorläufer einer keynesianischen antizyklischen Fiskalpolitik. Gleichwohl erhielt Sedláček für das Buch 2011 den Deutsche Wirtschaftsbuchpreis. Die Jury lobte, dass er dazu anrege, „Wirtschaft neu zu denken“.

Jean-Michel Servet: Les monnaies du lien, Éditions Presses universitaires de Lyon, 2012

De Jean-Michel Servet, une ’plume’ reconnue dans le secteur de la finance sociale, vient de paraître un livre "Les monnaies du lien". Il y fait le lien entre paléomonnaies et économie solidaire. Les économistes conçoivent classiquement les «monnaies primitives» comme un archaïsme. Alors qu’elles sont l’expression d’une institution essentielle toutes sociétés confondues. Avec ces reflections sur la monnaie J.-M. Servet reprend un thème sur lequel il travaille depuis une trentaine d’années. Dans son nouveau ouvrage il présente deux regards sur la question: un texte ancien dans une première partie, et ses travaux plus récents dans une seconde partie. Le premier texte enchâsse une approche «néo-évolutionniste», qui suppose que les monnaies qui ont circulé autrefois sont des préfigurations, quant à leurs fonctions, des instruments monétaires de os sociétés dites développées. Cette approche laisse ainsi à penser que les systèmes monétaires que l’ont connaît aujourd’hui sont des formes abouties d’un processus historique qui aurait commencé avec le troc. Ainsi, dans cette perspective, l’évolution jusqu’à nos temps modernes signalerait un progrès. Le second texte adopte une perspective «essentialiste», rompant avec l’idée qu’il y aurait un progrès en économie comme le laissent à penser les œuvres économiques depuis 400 ans. Au contraire, cette perspective essentialiste met les sociétés en parallèle sans supposer de supériorité des unes par rapport aux autres. Ces deux regards différents sont, de l’avis de l’auteur, complémentaires. Professeur d’études du développement à l’Institut des hautes études internationales et du développe ment à Genève, J.-M. Servet est économiste ou, plus précisément, socio-économiste. Ses propos sont toujours passionnants à lire ... et à débattre!

Nicholas Shaxson : Les paradis fiscaux, Enquête sur les ravages de la finance néolibérale, André Versailles éditeur 2012

« Voici une précieuse typologie des paradis fiscaux, ces « juridictions du secret » par lesquelles transitent plus de la moitié du commerce international ainsi que le tiers des investissements directs à l’étranger des multinationales » juge Christophe Ventura (Le monde diplomatique, novembre 2012) sur cette ouvrage du journaliste Nicholas Shaxson. « Il établit également une géographie politique de la finance offshore. Avec un acteur central : la City de Londres, située au cœur d’une ‘toile d’araignée’ formée par trois cercles de pays qui correspondent au périmètre de l’ancien Empire britannique. » La City concentre in fine la moitié du volume total des actifs bancaires internationaux et leur offre la possibilité d’échapper aux lois et réglementations fiscales communes. L’auteur formule des recommandations précises en matière de lutte contre ce système : fiscalité, contrôle des mouvements de capitaux, dispositifs anticorruption, transparence ... Il pose des questions comme : « Comment les paradis fiscaux ruinent les pays pauvres ? ». Sous le titre « Trou noir de l’Europe » l’auteur consacre un chapitre de 30 pages sur le Luxembourg. Un chapitre qui est particulièrement croustillant et qui était spécialement ajouté à la traduction francaise. Selon Richard Murphy de l’organisation anglais « Tax Research » c’est la meilleure livre sur le sujet : « Il se lit comme un thriller ».

Heiner Geißler: Sapere aude ! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen, Ullstein 2012

Politik und Bürger driften auseinander. Immer mehr Menschen wollen ihr Schicksal ohne die politischen Parteien selber in die Hand nehmen. Sie gehen nicht mehr zur Wahl, sondern auf die Straße. Diese Krise der Demokratie braucht eine Antwort. Heiner Geißler, der Schlichter von Stuttgart 21, nennt die Hintergründe für den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die offizielle Politik: Die Trennung von Geist und Macht, die Herrschaft der Märkte über die des Volkes, die Ökonomisierung der Gesellschaft, die fehlende Transparenz der bürokratischen Genehmigungsverfahren begründen die Krise der Demokratie ebenso wie die Defizite des Parlamentarismus in einer Mediendemokratie mit Internet und Facebook. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit dem Bahnhofsumbau in Stuttgart entwirft Geißler neue Formen einer Bürgerbeteiligungsdemokratie und offenen Diskursrepublik, die das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen und der Demokratie neue Perspektiven geben können.

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum, oekom Verlag 2011

Was garantiert uns Wohlstand und sozialen Frieden? Wie ein Mantra kommt die Antwort aus Politik und Wirtschaft: Wachstum, Wachstum, Wachstum! Aber dürfen wir das noch glauben angesichts der Verwerfungen der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrisen und angesichts der ökologischen Schäden, die unser Wirtschaften produziert? Unsere gesamte Wirtschaftsordnung baut auf ewigem Wachstum auf, aber nun brauchen wir einen anderen Motor, sagt der britische Ökonom Tim Jackson. Er hat im Auftrag der britischen Regierung den Zusammenhang von Wachstum und Wohlstand untersucht. In der aktuellen Debatte sticht seine Analyse hervor: Jackson fordert nicht weniger als die Entwicklung einer neuen Wirtschaftsordnung, die auf einem anderen Wohlstandsbegriff beruht. Ein Maß dafür, wie die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen befriedigt werden, müsse darin ebenso eingehen wie die gerechte Verteilung von Waren und Dienstleistungen. Jacksons brisantes Buch, das nun erstmals auf Deutsch erscheint, zählt schon jetzt zu den wichtigsten Publikationen der Postwachstumsökonomie. In griffigem Stil entwickelt der Autor eine glasklare Analyse der aktuellen Situation und der Blockaden, die uns daran hindern, etwas zu ändern. Er entwickelt konkrete Überlegungen für eine nachhaltige Ökonomie und entwirft die glaubwürdige Vision einer blühenden menschlichen Gesellschaft innerhalb der bestehenden ökologischen Schranken.

Nico Paech: Befreiung vom Überfluss, oekom Verlag 2012

Noch ist die Welt nicht bereit, von der Droge „Wachstum“ zu lassen. Aber die Diskussion über das Ende der Maßlosigkeit im Überfluss nimmt an Fahrt auf. Auch der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech hat dazu eine passende Streitschrift geschrieben, die auch die scheinbaren Königswege von „grünem“ Wachstum und „nachhaltigem“ Konsum als Mythos entlarvt, hält er doch den feinen Unterschied – hier „gutes“, dort „schlechtes“ Wachstum – für Augenwischerei. In seinem Gegenentwurf einer Postwachstumsökonomie fordert Paech die Einschränkung industrieller Wertschöpfungsprozesse und stattdessen die Stärkung lokaler Selbstversorgungsmuster. Diese Art zu wirtschaften wäre genügsamer, aber auch stabiler und ökologisch verträglicher.

Weitere neue Bücher im CITIM:

  • Attac: La nature n’a pas de prix, Les liens qui libèrent, 2012
  • Hervé Kempf: L’oligarchie ça suffit, vive la démocratie, Le Seuil 2011
  • Damien Millet: La dette ou la vie, Aden 2011
  • Damien Millet: AAA, Le Seuil 2012
  • David Roodman: Due diligence, CGD Books 2011
  • L’économie mondiale 2013, Collection Repères 2012
  • Nicholas Stern / Roger Guesnerie: Deux économistes faces aux enjeux climatiques, Le Pommier 2012

Kontakt:

CITIM, 55, avenue de la Liberté, L-1931 Luxembourg, Tel.: 400 427 31, citim@astm.lu, www.citim.lu