Interview: Änder Schanck

, von Ekkehart Schmidt

„Es geht um die ganze Bewegung“

Änder Schanck (geb. 1952) gründete vor bald 30 Jahren mit wenigen Bio-Bauern und Kollegen die BIOG-Genossenschaft Lëtzebuerg, aus der dann später die Betriebe der OIKOPOLIS-Gruppe hervorgingen, darunter NATURATA Luxemburg. War er anfangs Geschäftsführer der BIOG, so ist er heute Hauptverantwortlicher der OIKOPOLIS-Gruppe. Der „Kopf der luxemburgischen Bio-Landwirtschaft“, der auch lange Jahre Präsident von Demeter Luxemburg war, hat aber auch eine interessante etika-Vergangenheit.

Wie kamst du zur Bio-Landwirtschaft?
Mein Bruder Jos und ich sind auf einem konventionell bewirtschafteten Hof in Hüpperdingen aufgewachsen. Jos übernahm dann den Hof, während ich bei einem Bauunternehmen zu arbeiten begann. Ich habe dort aber nicht nur die Privatwirtschaft kennengelernt, sondern wurde auch einer der ersten Berater hierzulande in Fragen der Baubiologie. Dadurch kam ich mit den Ideen der Bio-Landwirtschaft in Berührung. Nach viereinhalb Jahren habe ich noch fünf Monate bei der CFL gearbeitet und konnte so auch noch einen parastaatlichen Betrieb kennenlernen. Danach bin ich für zehn Jahre als Landwirt zurück auf den Hof und war dabei zum Schluss auch Hausmann, weil meine Frau in Alfter bei Bonn studierte. Es gab 1977 erste Planungen zur Umstellung des Hofes, dann begannen wir 1978, auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umzustellen. Erst zehn Jahre später, also 1988, wurden die beiden Bio-Verbände und dann die Bio-Bauern-Genossenschaft BIOG gegründet, 1989 NATURATA.

Kannst du dich noch an die Situation vor über 20 Jahren erinnern, als eine Gruppe von Leuten überlegte, einen Verein namens „Alterfinanz“ zu gründen und ein alternatives Sparkonto einzurichten?

Ja, natürlich. Ich war damals stark in der Frage engagiert, wie man die Vermarktung hiesiger Bio-Produkte verbessern kann. Wir hatten schon 1990 mit NATURATA-Kunden eine Leihgemeinschaft in Kooperation mit der GLS-Bank in Deutschland gebildet. Über dieses spezielle Modell hatten wir den ersten Warenbestand des NATURATA-Geschäfts im Rollingergrund finanziert. 1992 haben wir dann den Großhandel BIOGROS gegründet, um die Wertschöpfungskette vom Hof über die Händler bis zum Verbraucher besser zu organisieren. 1994 schlossen wir einen Demeter-Fachhandelsvertrag mit der Cactus-Gruppe, der es dieser ermöglichte, Demeter-Produkte in ihren Supermärkten zu verkaufen. Natürlich fragten wir uns damals, ob das Auswirkungen auf die Bio-Läden hat. Die Preise sollten zu deren Schutz dieselben sein. Dieser Punkt war damals Bestandteil des Vertrags mit Cactus, und die kleinen Läden waren damit ebenfalls einverstanden. So haben wir uns gut parallel entwickelt.

Das war aber noch in sehr kleinem Umfang im Vergleich zu heute?
Allerdings. Die Vermarktung der BIOG-Produkte entwickelte sich stetig weiter, sodass unsere Räumlichkeiten, vor allem für den Großhandel BIOGROS, bald zu klein wurden. Wir brauchten Eigenkapital und Kredite, um unsere Strukturen weiterzuentwickeln, und wandten uns unter anderem an die Triodos-Bank in Holland, die damals eine Filiale in Belgien hatte. Von deren Direktor Frans de Clerck hörten wir dann, dass auch andere Akteure aus Luxemburg, unter anderem Mike Mathias, Marc Elvinger von ASTM und der Oekofonds, schon mit ihnen in Kontakt getreten waren.

Ach! Ihr wusstet nichts voneinander?
Nein, nicht direkt in dieser Beziehung. Aber wir kamen dann schnell zusammen. Die ASTM-Leute suchten nach Möglichkeiten, Projekte der Nord-Süd-Zusammenarbeit zu finanzieren, und hatten hierzulande ein ähnliches Problem wie wir von der Bio-Landwirtschaft. Zunächst gab es Überlegungen, ob die Triodos-Bank in Luxemburg eine Filiale aufbauen könnte. Als sie dann aber entschied, eine nächste Filiale in Großbritannien zu eröffnen, war Luxemburg für sie nicht mehr prioritär. In diese „Lücke“ sprang dann der damalige Direktor der Spuerkeess, Raymond Kirsch, mit dem wir vorher schon in Kontakt gewesen waren, direkt hinein und bot seine Dienste an.

So habt ihr dann Ende 1996 erst „Alterfinanz“ gegründet und dann Anfang 1997 die Kooperation mit der Spuerkeess zur Schaffung eines alternativen Spar- und Kreditmechanismus begonnen! Du warst dann auch im Verwaltungsrat. Was waren damals die Themen?

Na ja, es musste erst einmal alles aufgebaut werden. Die erste Aufgabe war, ein Mitarbeiterteam zu finden – anfangs gab es schon einen häufigeren Wechsel in der Koordination. Dann erarbeitete man sich eine Richtschnur für Fragen wie: Wer bekommt zinsvergünstigte Kredite? Geben wir nur Kredite an Gemeinschaftsprojekte oder auch an private Personen oder Einzelunternehmen? Oder gründen wir zusätzlich einen alternativen Investmentfonds? Das war eine Idee, die damals vor allem Robert Urbé von der Caritas verfolgte. Schließlich fragten wir uns bald, ob „Alterfinanz“ der richtige Name ist. Das waren damals sehr wichtige Erfahrungen für mich. Nicht zuletzt konnte der damals größte in Luxemburg errichtete Windpark in Heinerscheid, an dem mein Bruder und ich mit drei weiteren Freunden beteiligt waren, zum Teil über etika und die BCEE finanziert werden.

Wie lange warst du im etika-Verwaltungsrat?
Knapp acht Jahre. Ich bin dann ausgeschieden, als es darum ging, das OIKOPOLIS-Zentrum in Munsbach aufzubauen. Für mich kam dann der Kollege Roland Majerus zu etika.

Die Vermarktung von Bio-Produkten hat sich dann ja auch prächtig entwickelt. In Deutschland hat sich der Bio-Anteil beim Lebensmittel- und Getränkeeinkauf in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt. Allein 2016 gab es eine Steigerung um 10 Prozent …

Viele Konsumenten sind im Prinzip bereit, für Bio mehr zu zahlen. Das Tageblatt hat am 2. November die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, der zufolge 56 % der Leserinnen und Leser bereit wären, für Bio mehr zu zahlen, während 37 % sagen, die Bio-Produktion sei ein Hirngespinst. Und 7 % achten nicht auf Labels.

Fast zwei Drittel der Umsätze werden jedoch inzwischen in konventionellen Supermärkten, bei Discountern und in Drogeriemärkten gemacht. Der Bio-Fachhandel hat Marktanteile eingebüßt, verzeichnet aber ebenfalls Zuwächse. Wie siehst du die Entwicklung hierzulande?

Auf die NATURATA-Läden entfallen heute in etwa 25 % des hiesigen Bio-Umsatzes. Es geht uns aber auch nicht nur um einzelne Läden, sondern darum, dass die ganze Bio-Landwirtschaftsbewegung weiterkommt. BIOGROS verkauft deswegen seine BIOG-Produkte auch in anderen Läden, und dies trotz der Tatsache, dass diese dann auch Konkurrenten von NATURATA sind. Das ist keine einfache Aufgabe, aber ich denke, wir haben das mit unserer OIKOPOLIS-Gruppe gar nicht so schlecht gemacht.

BIOG-Produkte gibt es zum Beispiel auch in der neuen Filiale von Naturalia an der Gare! Entsteht da nicht eine Konkurrenz mit überwiegend billigen Bio-Produkten?

Wenn dieser Laden im Bahnhofsviertel neue Bio-Kunden dazugewinnt, ist das doch gut! Natürlich ist Naturalia als Teil der großen Kette Monoprix billiger, aber sie verkaufen auch Produkte, deren Standards weniger streng sind. Und natürlich schmücken sie sich auch mit einigen luxemburgischen Rosinen, da fällt das dann nicht auf. Bei Cactus war die Situation vor etwa 15 Jahren ähnlich. Sie sagten: Wir brauchen wegen der Konkurrenz auch eine Billigmarke im Bio-Segment. Etwas später haben sie sich dann von Alnatura beliefern lassen, die gute Produkte haben. Über das Zustandekommen derer Preise bleibt aber sicherlich manches zu hinterfragen. Denn solche Preise sind nicht unbedingt zum Vorteil der Erzeuger. Und eine totale Katastrophe in dieser Richtung ist, dass sich nun in Deutschland das Handelsunternehmen Alnatura und der Drogeriemarkt „dm“ einen Preiskrieg leisten, der letztendlich weiteren Druck auf Bauern und Verarbeiter zur Folge haben wird. Das ist eigentlich ein Copy-Paste der Vorgehensweise der konventionellen Discounter.
Aber zurück zur allgemeinen Entwicklung: 2016 war für den Bio-Fachhandel in Luxemburg noch ein sehr gutes Jahr, dieses Jahr wird dagegen eher weniger gut. Es gibt kein so rasantes Wachstum mehr, aber es hält sich, und es gibt auch gute Perspektiven für unser Weiterkommen. Einzig und allein in Frankreich scheint eine deutliche Progression im Bio-Fachhandel stattzufinden. Dagegen werden Bio-Läden in Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz erstmals deutlicher „Federn lassen“. Die Bio-Bewegung scheint definitiv gefährdet, und dies insbesondere, weil ein großer Teil der Bio-Akteure der Konkurrenz von den großen konventionellen Supermärkten nicht gewachsen ist.

Ein Credo der Bio-Bewegung war natürlich immer „Bio für alle“. Könnte man nicht sagen: Endlich ist es so weit? Oder macht es doch einen Unterschied, wo Menschen ökologische Lebensmittel einkaufen? Es heißt ja oft, der Bio-Fachhandel wäre zu teuer …

Ich finde es prinzipiell gut, dass bei den großen Händlern ohne Bio gar nichts mehr geht und dass die Supermärkte „Menge machen“. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Wenn die Preise nicht stimmen, leiden die vorgelagerten Bereiche und auch der klein strukturierte Bio-Handel. Die Frage stellt sich aber auch noch anders: Akzeptieren wir ein Wirtschaftssystem, in dem nur die monetäre Rendite zählt? Eine rezente Umfrage in Deutschland ergab, dass die Menschen bis zu 90 %, also mehrheitlich, mit dem aktuellen Wirtschaftssystem nicht einverstanden sind. Darin gibt es offensichtlich zu viele Verlierer. Aber wie kann man das System ändern?

Hat der Bio-Handel nicht die Aufgabe, neue kreative Lösungen zu entwickeln, statt nun ebenfalls an der Preisspirale zu drehen?

Unser Bemühen in der OIKOPOLIS-Gruppe geht jedenfalls auch in diese Richtung: Wir unterstützen Forschung und arbeiten mit bei der Entwicklung neuer kooperativer Wirtschaftsformen. Das hat alles seinen Preis und wird offensichtlich nicht durch Bio beim Discounter gedeckt. Sowieso müsste man allmählich dahin kommen, eine korrekte Kalkulation zu machen. Würde man alle Kosten, z. B. das Reinigen des Grundwassers von synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln, in die Lebensmittelpreise einrechnen, wäre die Diskussion, ob der Bio-Fachhandel zu teuer ist, hinfällig.

Also die externen Kosten der Produktion …
Genau. Das sind alles Kollateralschäden, die die Gesellschaft trägt. Wenn diese Kosten eingerechnet würden, wären wir ohne Zweifel besser als konventionelle Produkte. Nicht „billiger“, aber preiswerter. Jeder Bauer – nicht nur der konventionell wirtschaftende – muss heute, um im Wettbewerb mitzuhalten, Mittel und Methoden anwenden, die ihm vielleicht eigentlich nicht liegen. Und der Konsument, der nicht genau schaut, was er kauft, zwingt den Bauern eigentlich dazu. Bei Billigprodukten leidet immer irgendjemand in der Wertschöpfungskette. Bei einer korrekten Kalkulation ist das nicht der Fall.

Vielen Verbrauchern sind die Unterschiede zwischen den Bio-Labeln nicht bewusst. Bio ist ja nicht gleich Bio …

Natürlich nicht. Es gibt unterschiedliche Labels, aber auch unterschiedliche Marken von Herstellern. Lebensmittel aus Bio-Landwirtschaft sind seit Anfang der 1990er-Jahre EU-weit geschützt und werden durch ein EU-Label mit Angabe der offiziellen Kontrollstelle gekennzeichnet. Jeder Hersteller von Bio-Produkten muss mindestens diesen EU-Standard einhalten. Es gibt dann natürlich auch strengere Verbandsrichtlinien, wie z. B. Bio-Lëtzebuerg und Demeter, um nur diese hier aus Luxemburg zu nennen. Diese Labels stehen in erster Linie für eine bestimmte Bewirtschaftungsform in der Landwirtschaft.

Und dann gibt es ja noch das Kriterium „fair“ …
Ja, mit dieser Kennzeichnung wird eine andere Art der Zusammenarbeit innerhalb der Wertschöpfungskette abgedeckt. Wir werden übrigens relativ bald ein neues Fair-Label auf den Markt bringen, bei dem diese positive Zusammenarbeit der Wertschöpfungskette als Mindestbedingung in der entsprechenden Charta festgeschrieben wird. Ziel ist, dass alle Teilnehmer der Kette für ein Produkt oder auch ein Sortiment – vom Landwirt bis zum Konsumenten – sich an einen Tisch setzen, um zusammen eine Win-win-Situation zu erarbeiten. Also: Der Bauer oder seine Vertreter in einer Genossenschaft, der Müller, der Bäcker, der Händler, der Ladner (Anm. d. Red.: ein Ladeninhaber, der zugleich Kundenberater ist) und - wenn möglich - der eine oder andere Kunde kommen zusammen, regeln ihre Dinge selbst und schauen, welche Preise für jeden tragbar sind. Das wird protokolliert und ist dann die Voraussetzung für die Nutzung des neuen Logos.

Ist das neue Logo schon angemeldet?
Ja, wir haben das Zeichen „fair&associative“ im Sommer auf den Weg gebracht. Wir sind inzwischen auch in Gesprächen, es eventuell international einzuführen. Wir denken, diese Art der Kennzeichnung kann eine große Hilfe dabei sein, eine kooperative und solidarische Wirtschaft in größerem Rahmen auf die Beine zu stellen.

Und wie entwickelt sich die Bio-Landwirtschaft hierzulande?
Zurzeit liegt der Bio-Anteil bei 4,2 %. Ende Oktober haben zwei Studentinnen aus Österreich eine Bachelor-Arbeit veröffentlicht, für die sie luxemburgische Landwirte bezüglich einer Umstellung zur biologischen Landwirtschaft befragt haben. Es ging dabei vor allem um Motive und Hemmnisse. Die Befragung hat gezeigt, dass die Widerstände der konventionellen Landwirte gar nicht so groß sind, wie oftmals vermutet. Nur 51 % derjenigen, die geantwortet haben, lehnen eine Umstellung auf Bio-Landbau rundweg ab. 27,5% haben sich mit der Frage noch nicht befasst, 16 % ziehen sie in Erwägung, und 2,3 % sind bereits in der Umstellungsphase. Aus den Zahlen ergibt sich für Bio-Lëtzebuerg langfristig ein Umstellungspotenzial von weit über 40 %. Da aber nur knapp ein Viertel der gefragten Betriebe auf die Umfrage geantwortet haben, kann real mit einem Potenzial von 10 % gerechnet werden.

Viele glauben, es ginge gar nicht anders?
Ja, ich schätze, das trifft auf etwa 16 resp. 4 % zu, die durchaus auf Bio umsteigen könnten. Dass es funktioniert, ist mittlerweile mehr oder weniger akzeptiert. Es geht eindeutig ohne Pestizide und synthetischen Dünger. Es ging ja früher auch ohne bzw. mit weniger oder anderem Dünger. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand ja die Düngemittelindustrie letztlich aus der chemischen Industrie, die bis dato vor allem Kampfstoffe hergestellt hatte, und die chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel kamen in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf den Markt, als die Produktionsstätten für chemische Kampfstoffe wiederum auch nach dem Zweiten Weltkrieg andere Absatzmärkte suchten. Die meisten Bauern befürworten zwar die Prinzipien des Bio-Landbaus, sorgen sich aber, sogenanntes Unkraut und Schädlinge nicht effizient meistern zu können, wenn sie die Hilfsmittel der chemischen Industrie nicht mehr anwenden können.

Das Ergebnis sehen wir in der erschreckenden Abnahme der Insekten …
Genau. Leider sieht man diese Zusammenhänge nicht so einfach wie zum Beispiel bei einer Katastrophe wie Fukushima. Man bemerkt die schleichenden Veränderungen nicht, und zudem sind sie nicht direkt lebensbedrohlich für uns Menschen. Wenn die Strahlung uns erreicht, ist das etwas anderes, als wenn die Insekten weniger werden. Bei allem, was mit Leben zu tun hat, sind wir nicht mit dem Bewusstsein dabei. Das ist vor allem auch so mit dem Boden. In einem gesunden Boden gibt es ein ungeheuer vielfältiges Leben – das ist vielen Menschen heute nicht bewusst. Synthetische Substanzen oder schlecht zubereiteter organischer Dünger schädigen diese unterirdischen „Kulturen“. Es ist eine wichtige Aufgabe, Verständnis für diese Dinge zu entwickeln. Da bleibt noch viel zu tun. Wir müssen unser Ding machen, nicht weinen, um irgendwann eine Alternative zu haben, wenn es darauf ankommt. Denn ewig wird die Geschichte nicht weitergehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Artikel vom November 2017. Das Gespräch führte Ekkehart Schmidt