Betriebliche Resilienz in der Corona-Krise

, von Ekkehart Schmidt

Wir haben mit unseren Projektförderungen einen Beitrag zu einer sozial-ökologischen Transformation geleistet. Diese ist jetzt durch Schliessungen von Betrieben der Gastronomie, des Nicht-Lebensmittel-Einzelhandels sowie von Fort- und Ausbildungsmassnahmen im Zuge der Corona-Krise akut gefährdet. Für viele Betriebe ist es eine Frage von Wochen, ob sie überleben. Ihnen fehlen Einnahmen, um Gehälter auszuzahlen und Kreditraten abzuzahlen. Auch die Möglichkeit der Wiedereröffnung ab dem 11. Mai hat für die meisten keine wesentliche Verbesserung gebracht.

Adaption und Resilienz

Die Stichworte zu dieser Situation sind Adaptation und Resilienz. Der Begriff Adaption beschreibt die kurzfristige Rückkehr zur Ausgangssituation (falls möglich) im Sinne einer Selbstregulation. Auch der Begriff Resilienz (von lateinisch resilire „zurückspringen, abprallen“) ist aus der Debatte um die Klimakrise bekannt. Er steht für die Fähigkeit eines Ökosystems, nach einer Störung zum Ausgangszustand zurückzukehren. Man kennt den Begriff ferner in der Energiewirtschaft, wo er für die Ausfallsicherheit in der Versorgung mit Strom steht. Und natürlich - gerade in Zeiten der Pandemie aktuell - beschreibt er die psychische Widerstandsfähigkeit bzw. Belastbarkeit und innere Stärke von Menschen bzw. Fähigkeit von Gesellschaften, externe Störungen zu verkraften.

Norry Schneider und Katy Fox vom CELL erklärten den Begriff Resilienz in seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung für Luxemburg bei einem Radio-Interview auf 100,7 am 18. April.

Auf Unternehmen bezogen geht es um die systemische Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Störungen (Resilienz-Management). Nicht jeder Einzelhändler kann schnell auf Online-Shopping umstellen und Restaurants können nur bedingt einen Lieferservice anbieten. Zudem haben sie Liquiditätsprobleme. Gerade für kleine und mittelgroße Unternehmen bedarf es daher nun - in Ergänzung zu deren innerbetrieblichen Anpassungen - schneller, kreativer und unbürokratischer Hilfen. Unser Bankpartner Spuerkeess hilft - wie alle Banken - durch Aussetzungen der Kredit-Rückzahlungspflicht (insgesamt 7.000 Fälle im Volumen von 2 Mrd Euro), manche Vermieter verlangen von Betrieben keine Miete mehr und auch wir überlegen, wie wir Unterstützung leisten können.

Generell kann konstatiert werden, dass gute Unternehmen auf Dauer nur Erfolg haben, wenn sie eine Antwort auf die Sinnfrage finden: Warum tun sie, was sie tun? Wir spüren nun unsere Verletzlichkeit. Künftig werden sich eine Menge Unternehmen überlegen, ob sie sich nicht widerstandsfähiger machen sollten. Die Dominanz der Betriebswirte könnte relativiert werden, denn das von ihnen durchgesetzte Just-in-time-Prinzip hat eine Verletzlichkeit erzeugt, die nun zum Stillstand beigetragen hat: Kürzere Lieferketten oder umfassende Lagerhaltung von Zulieferteilen, um Verletzlichkeit zu vermindern, " so der Politologe Herfried Münkler.

Staatliche Hilfen

Als Soforthilfe hat die Regierung am 17. März zunächst Steuermassnahmen beschlossen. Für Unternehmen und Selbstständige werden auf Antrag Steuervorauszahlungen und Zahlungsfristen aufgehoben. Beantragt werden kann auch eine viermonatige Verlängerung der Zahlungsfrist für die Steuern. Alle Mehrwertsteuerguthaben von weniger als 10.000 euro werden zurückerstattet. Die entsprechenden Formulare sind bei impotsdirects zu finden.

Dann wurde ein 300-Millionen-Euro-Programm zur Zahlung von Notkrediten und Ausgleichshilfen angekündigt, das am 25. März von der EU-Kommissionn genehmigt wurden. Der Wirtschaftsminister berichtete freilich von Forderungen vieler Unternehmen, die staatlichen Hilfen noch deutlich auszuweiten. Nachmittags wurde bekannt gegeben, dass die Regierung fast 9 Milliarden Euro zusätzlich an Hilfe für die Wirtschaft locker machen wird (die Regelungen im Einzelnen: Französisch und Englisch). Am 31. März wurden zusätzlich Hilfen für Start-Ups beschlossen (mehr dazu hier) und hier bei Paperjam. Diese wurden am 8. April ergänzt um eine Not-Entschädigung für Selbstständige, sowie am 20. April um eine nicht zurückzuzahlende finanzielle Hilfe für kleinere Betriebe, sowie am 22. April mit zusätzlichen Hilfen für Kleinbetriebe.

Zum "Neistart" der Wirtschaft wurden am 20. Mai weitere finanzielle Hilfen in Höhe von 700 - 800.000 Millionen Euro beschlossen. Sie umfassen einen "fonds de relance et de solidarité" zur Unterstützung von denjenigen Unternehmen, die von der Krise besonders betroffen waren (Hhotel- und Gaststättengewerbe, Tourismus, Fitness und Veranstaltungsmarketing) und noch nicht neu eröffnen können. Als Hilfen werden ab dem 1. Juli für die Dauer von einem halben Jahr 1.250 Euros pro voll beschäftigtem Angestellten und 250 Euro für Angestellte im "chômage provisoire" gezahlt (mit einer bestimmten Deckelung). Eine weitere Hilfe erhalten kleinere und mittelgrosse Einzelhändler in Form einer Pauschale von 1.000 Euro je Angestellter im Juni, 750 Euro im Juli und 500 Euro im August. (Mehr dazu hier)

Die luxemburgischen Betriebe sollen „Fit 4 Resilience“ werden. Das kündigten Wirtschaftsminister Franz Fayot, Sasha Baillie von LuxInnovation und Gérard Zoller von Peintures Robin auf einer Pressekonferenz am 28. Mai an. Die Coronakrise habe sowohl das Verhalten der Konsumenten wie auch die Lieferketten verändert. „Abhängigkeiten“ seien „klar geworden“, so Baille. Deswegen müsse nun verstärkt auf die Schaffung lokaler Produktionskapazitäten geachtet werden. Dabei sei die voranschreitende Digitalisierung ein wichtiger Schritt, ebenso die Kreislaufwirtschaft. Das Wirtschaftsministerium stellt dazu ein Budget von 750.000 Euro bereit, um dabei zu helfen, für die nächste Krise besser gewappnet zu sein. Das Geld werde aber nicht direkt in die Realwirtschaft investiert, Firmen müssen bei LuxInnovation einen handverlesenen Unternehmensberater aussuchen (mehr dazu im Tageblatt).

Schon seit dem 13. März bietet Spuerkeess Betrieben, die bei der Bank Kredite aufgenommen haben, ein Moratorium an, das heisst eine Stundung der Rückzahlungen für zunächst drei Monate (auf Antrag). Am 3. April teilte Bankchefin Francoise Thoma mit, dass in den zwei Wochen zuvor mehr als 1000 Unternehmen wegen der Corona-Krise ein Moratorium ihrer Schulden beantragt hätten. Während sechs Monaten wird die Rückzahlung ausgesetzt. Von den Anträgen würden 99,9 % akzeptiert. Ausnahmen seien Fälle, bei denen die Situation schon vorher "katastrophal" gewesen sei: "Wir analysieren wohlwollend. Es ist uns wichtig, unsere Kunden zu unterstützen".

Tipps zu Homeoffice und virtuellen Tools

In diesen schwierigen Zeiten müssen wir zudem verstärkt digitale Tools wie Skype, Jit.si, Trello, BigBlueButton, zoom (allerdings mit Datenschutzmängeln behaftet) oder slack nutzen, um miteinander in Kontakt zu bleiben und uns weiterhin zu organisieren. Organisationen wie 350.org bieten dazu ein kostenloses "Skillsharing" an. Der Blog PrivacyTutor erläutert die Mängel von Zoom ausführlich, gibt aber auch gute Tipps, wie man Probleme bei der Organisation von Meetings ausschliesst.

Homeoffice ist normal geworden, aber wie die Expertin Bettina Wittmann anmerkt, sind dabei einige Punkte zu beachten: Routinen einzuhalten, wie die, nach dem Frühstück den Computer zu starten und das Mittagessen nicht zu vergessen, sei der beste Weg zur Effizienz. Das familiäre Umfeld müsse verstehen, dass man auch zuhause fest arbeitet, man brauche Bewegung und sollte auf eine gute Sitzhaltung und einen Bildschirm in der richtigen Höhe achten. Besonders wichtig sei eine offene und regelmässige Kommunikation mit den Kolleg*innen, am besten mit Cloud-basierten Produkten. Mehr kostenlose Tipps auf ihrer Homepage

Viele Betriebe haben sich im März an Home-Office und die Nutzung von Videokonferenzen gewöhnt, haben gelernt, effektive Online-Meetings abzuhalten und sich die technischen Werkzeuge und Moderationsmethoden angeeignet, die sich besonders dafür eignen. Dennoch gibt es Ermüdungserscheinungen. Im April sollten daher längerfristige Kommunikationsmaßnahmen im Fokus stehen, die eine effektive Zusammenarbeit, Resilienz und kontinuierliche Motivation der Mitarbeitenden für die noch folgenden Wochen in dieser anhaltenden Krise ermöglichen, aber auch an die Außenwelt gerichtet sind.

Solidarität mit sozial-ökologischen Projekten

Solidarität ist das Gebot der Stunde. Wir versuchen, dem Begriff "Sozial- und Solidarökonomie", dem wir uns seit der Gründung von etika vor 24 Jahren verbunden fühlen (mehr dazu hier), durch angepasste Lösungen zu entsprechen. Wie drei Dutzend von etika geförderte Projekte reagieren lesen Sie hier: Solidarität in der Krise. Unterstützen Sie diese in ihrer Adaption an die Krise! Danke.

Schreiben Sie uns, wenn Sie weitere Ideen haben!

Verwendete Quellen: bt: 2 000 000 000 ticker, Letzebuerger Land, 17. April 2020; Niemand kann sich abschotten. Ein Gespräch mit dem Politologen Herfried Münkler sowie den Soziologen Hauke Brunkhorst und Armin Nassehi, DIE ZEIT Nr. 17, 16.04.2020, S. 42-43; Haas, Tom: Neistart Lëtzebuerg / Die Corona-Krise ebnet den Weg für den wirtschaftlichen Wandel, Tageblatt 28. Mai 2020; Leonard, Nicolas: Un plan de relance et un «nouveau départ» pour le pays, Leyers, Pierre: Mit Resilienz durch die Krise, Luxemburger Wort, 29. Mai 2020; Paperjam, 20. Mai 2020; Muller, Christian: Mehr als 1.000 Anträge auf Schulden-Moratorium gestellt, Tageblatt, 4./5. April 2020.

Artikel vom 25. März 2020, zuletzt aktualisiert am 23. September 2020