Jean Kieffer und ein „altes Pfadfinderprinzip“ INTERVIEW

, von Ekkehart Schmidt















Die zehn Mitglieder unseres Verwaltungsrates haben einen recht unterschiedlichen beruflichen Hintergrund. Die meisten arbeiten bei anderen NGOs, manche waren jahrelang in der Finanzbranche beschäftigt, aber nur einer entstammt einem Arbeiterumfeld: Jean Kieffer. Der 75jährige vertrat von 2003- 2021 „Natur&Emwelt“. Gelegentlich unserer Mitgliederversammlung am 17. Mai 2021 trat er zurück, um sein Mandat Lea Bonblet zu überlassen. Er hat während seines gesamten Berufslebens bei ARBED gearbeitet und sich stark ehrenamtlich engagiert, insbesondere bei „Gaart en Heem“. Auf den Werdegang seiner vier Kinder und sieben Enkel ist er besonders stolz.

Woher kommst Du? Erzählst du uns ein wenig von Deiner Jugend?

Ich komme aus einfachen Arbeiterverhältnissen. Mein Vater war Konditor, musste aber seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und wurde zur Reichsbahn verpflichtet. Wäre er zwei Jahre jünger gewesen, hätte man ihn zum Wehrdienst eingezogen. Nach den Kriegswirren verlor er seine Arbeit und hatte auch sonst öfters Pech im Leben. Meine Eltern übernahmen eine „Epicerie“ in der Altstadt in einem „historischen“ Altbau, wo ich noch manche Erinnerung habe. 1952 zogen wir nach Bettemburg um wo ich meine Schulzeit ver-brachte.

Warum seid ihr aus der Stadt weggezogen?

Unser Mietvertrag wurde aufgelöst. Meine Eltern haben anschließend in Bettemburg am Bahnhof ein Gasthaus übernommen, das „Hotel Krier“, später hieß es „Auberge St. Jean“. Wir wurden nicht reich damit… Meine Mutter betrieb die Gaststätte und mein Vater wurde Molkereimitarbeiter bei CELULA. Ich kann immer noch keine Milch riechen…

Wieso?

Er kam immer in voller Arbeitskleidung, wie damals so üblich von der Arbeit und ich roch den säuerlichen Milchgeruch, bevor er ins Bad ging, um sich zu waschen. In dieser Zeit war ein Badezimmer und eine mit Koks befeuerte Zentralheizung immerhin ein Luxus im Vergleich zur Wohnung in der Altstadt. Aber die Kleider wurden nicht täglich gewechselt, sondern hingen im Hof zum Ausdünsten…

Du hast Dich nicht nur bei etika, sondern auch bei anderen Vereinen engagiert. Womit begann dein Vereinsleben und was war damals deine Motivation?

Schon vor Ende der Schulzeit war ich in Vereinen aktiv. Ich lernte Mandoline spielen im Verein, in dem mein Vater Vorsitzender war. Später trat ich den „Wëllefcher“ bei. Das Pfadfindertum hat mich geprägt es war eine Schule fürs Leben, weil man das Versprechen abgibt, sich sozial zu engagieren und so kam ich dann nach einem Erste-Hilfe-Kurs auch zum Zivilschutz und war bei einem Krankenwagen in Bereitschaft. Nach unserer Heirat 1968 zogen wir nach Küntzig wo meine Frau Lehrerin war. Dort gab es keine „Protection civile“, aber eine Feuerwehrmusik. Da habe ich dann noch Trompete gelernt. 1975 wurde ich für ein Mandat Mitglied des Gemeinderates. Durch die Stahlkrise bedingt wechselte ich meinen Arbeitsort und so konnte ich meine Pflicht als Musikant und Feuerwehrmann nicht mehr wahrnehmen.

Und wann hast Du dann bei „Gaart en Heem“ angefangen?

Man hat mich zur Generalversammlung der örtlichen Sektion vom Garten und Heim eingeladen. Beim Betreten des Saales wurde ich vom Vorsitzenden, auf Empfehlung seines Bruders aus Bettemburg als „guter Mann und als neues Mitglied für den Vorstand“ angekündigt. So begann es und im folgenden Jahr wurde ich Schriftführer, was ja eine gewisse Schlüsselfunktion ist, bis 2002 wo ich Verbandsvorsitzender wurde. Ich machte mir wohl regional einen guten Namen in der Liga und wurde 1982 in den Zentralvorstand der „Ligue Luxembourgeoise du Coin de Terre et du Foyer“ (CTF) gewählt.

Ihr hattet also gar keinen eigenen Garten?

Doch einen kleinen Hausgarten, wie üblich auf dem Dorf.

Die Liga CTF ist immerhin einer der größten Vereinsverbände Luxemburgs…

Ja, Anfang der 1990er-Jahre gab es 141 Lokalsektionen mit über 35.000 Familien als Mitglied. In 2018 zählten wir noch 112 Sektionen mit 19.500 Familien. Auch wenn diese Zahl rückläufig ist, gehört „Gaart en Heem“ zu den ganz großen Organisationen des Landes.

Und dann bist Du ja noch ehrenamtlich Redakteur der Verbandszeitschrift…

Ja, diese Aufgabe habe ich 1989 übernommen. Damals waren wir zu zweit, aber nach der dritten gemeinsam gestalteten Nummer starb der Kollege und nun stand ich fast erfahrungslos vor einer neuen Herausforderung. Aber ich habe es fertiggebracht über die Jahre alle Ausgaben, erst neun und jetzt sechs pro Jahr, fristgerecht zu gestalten. Die Redaktion ist mein einziges ehrenamtliches Engagement in der Liga CTF nach dem Rücktritt als Verbandsvorsitzender und diese Aufgabe erledige ich mit Leib und Seele mit Unterstützung der Redaktionskommission.

Darauf darf man stolz sein: etikaINFO wird nicht immer fristgerecht fertig, obwohl wir das hauptberuflich machen …

Ja, das bin ich auch. Vor kurzem erhielt ich im Rahmen einer sympathischen Feier im Ministerium aus den Händen vom Landwirtschaftsminister Romain Schneider die Auszeichnung „Chevalier de l‘Ordre de Mérite du Grand-Duché de Luxembourg”.
für meine langjährige ehrenamtliche Mitarbeit in der Liga CTF.

Man hört immer wieder, es gebe eine Krise des Ehrenamtes. Kannst du uns als früherer Präsident der Vereinigung der Ehrenamtlichen (Association du bénévolat“ asbl) dazu eine Einschätzung geben?

Wir stellen seit langem fest, dass es immer schwieriger wird, Leute zu finden, die sich ehrenamtlich in einem Vorstand engagieren wollen. Ohne ehrenamtliches Engagement funktioniert aber kaum ein Verein. Auch stellen wir fest, dass sich Menschen, die sich für ein Eh-renamt interessieren, sich nicht mehr ein ganzes Leben lang an einen bestimmten Verein binden wollen. Sie suchen eher projektbezogene und zeitlich begrenzte Aufgaben. Ich persönlich habe dieses Amt 2014 abgegeben. Wir waren ein gutes Team und stets bemüht Initiativen zu ergreifen, um das Ehrenamt zu fördern, dies mit der Unterstützung des Familienmi-nisteriums.

Seit 2003 warst Du auch Mitglied des etika-Verwaltungsrates...

Ich war als Vertreter von Gaart an Heem bei „Natura“, eine Vereinigung von etwa 30 dem Naturschutz nahestehenden Vereinigungen. Ich war Vorstandsmitglied und wurde vom damaligen Vorsitzenden als Vertreter der „Stiftung Hëllef fir d´Natur“ bei etika vorgeschlagen, weil das Gründungsmitglied Haus vun der Natur, heute unter dem Dach von natur&emwelt, eine Person als Vertreter für den Verwaltungsrat suchte? Das war damals unter etika-Präsident Jos Thill.

Und was ist Deine Bilanz?

Was ich etika wohl gebracht habe? Ich bin ja nicht der große Finanzfachmann. Ich habe versucht, mich als Laie in die Finanzwelt hineinzudenken. Aber ich habe, glaube ich, ein eini-germaßen gesundes praktisches Denken, haushalte mit Geld und habe eine Menge von Fachleuten innerhalb von etika und externen Beratern gelernt. Ich hoffe, ein paar Ideen eingebracht zu haben. Als Kopfnicker hoffe ich, hat man mich nicht wahrgenommen.

Nochmal zurück zu Gärten und ihrer Bedeutung: Da hat es ja in den letzten 100 Jahren einen starken Funktionswandel gegeben…

Wohl wahr, denn früher gab es in den meisten Orten kein Gartengrundstück beim Haus auf Grund der engen Bebauung, wie wir es heute noch in manch Ortschaft besonders in den Moseldörfern. Aber es gab ein oder mehrere Gartengrundstücke am Dorfrand, wo jeder seine eigene Parzelle bearbeitete, wie heute noch zu beobachten. Mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen Ortschaften wie Esch/Alzette, Düdelingen, Rümelingen, Dif-ferdingen oder Ettelbrück heran. Viele Menschen zogen aus den Dörfern in diese Städte, lebten in prekären Bedingungen. Die Arbeitgeber wie die Hüttenwerke oder die Eisenbahngesellschaft errichteten Wohnsiedlungen, Kolonien, wie die der Eisenbahner in Petingen. Zu den Häusern wurden, wenn möglich Gärten mitangelegt.

Das waren aber noch nicht die heutigen Kleingärten?

Nein, solche Anlagen entstanden erst etwa ab 1900, da viele nicht die Möglichkeit hatten in den Genuss eines Hauses mit Garten zu kommen. Dort konnte man seine Freizeit genießen und in einer Parzelle von etwa 4 Ar Gemüse, besonders Kartoffeln anbauen. Diese Initiativen wurden auch gefördert und sei es nur um den Alkoholkonsum der Grubenarbeiter und Stahlkocher zu verringern. In den letzten Jahrzehnten wurden aus den reinen Nutzgärten
Ziergärten, wo der Erholungsaspekt überwog.
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Wenn man diese Gärten mit den neuen Gemeinschaftsgärten z. B. der Transition-Bewegung vergleicht: Inwiefern sind Kleingärten heute ganz und gar nicht „spießig“, sondern sogar ganz konkret ein politisches Tun?

Ja, das kann man so sehen, es geht in die gleiche Richtung, nur gab es bei uns früher viel-leicht andere Gründe als das Vermeiden des Imports italienischer oder spanischer Treibhausprodukte. Bei uns war sowieso alles regional und saisonal, um mal diese zwei aktuellen Schlagworte zu nennen. Gärtnern ist tatsächlich wieder stark in Mode gekommen. Viele jun-ge Eltern, die Wert auf eine gesunde Ernährung legen, und ihren Kindern außerdem ein gewisses Bewusstsein über den Wert von Nahrungsmittel vermitteln wollen, wenden sich an „Gaart en Heem“. Sie hätten oft gerne einen kleinen Gemüsegarten und leider ist dies in den meisten Fällen nicht möglich. Es gibt eine steigende Nachfrage nach Kleingärten, um wieder Gemüse anzubauen. Für die Älteren gibt es ein Problem mit neuen Begrifflichkeiten wie „Permakultur“, aber die Idee, ökologische und soziale Ziele gemeinsam umzusetzen ist ganz ähnlich.

Neben all diesem Engagement hattest Du noch einen Beruf!

Allerdings … Ich war von 1961 an bis zur krisenbedingten Frührente in 2002 durchgehend bei ARBED beschäftigt. Während mein Vater Milch kippte und Bier zapfte, begann ich 1961 meine Lehrzeit in Schifflange. Ich erlebte noch die Stahlwerker und Walzer mit Lederschürzen und Holzpantinen an beschwerlichen Arbeitsplätzen. Nach der Gesellenprüfung 1964 besuchte ich das Technikum und bekam dann 1968 sofort eine unkündbare Stelle als „Inge-nieur- Technicien“ im Werk Differdingen.

Was genau hast Du bei ARBED gemacht?

Ich war Qualitätsprüfer, also Verantwortlicher für die Qualitätssicherung und hatte im Stahlwerk und Walzwerk zu tun. Anfangs leitete ich ein Team von sechs Leuten, 1980/ 81 waren es dann fast 50 auf drei bis vier Schichten. Parallel dazu gab ich Kurse an der dem Werk angegliederten Berufsschule im Fach Metallurgie. 1981 wurde ich in die Hauptverwaltung der Antikrisenabteilung versetzt, weil das Werk Differdingen teilweise geschlossen wurde und weniger Leute für die Qualitätskontrolle gebraucht wurden.

Das war in der Stahlkrise?

Genau. Meine Aufgabe war es, Leute als Leiharbeiter zu anderen Unternehmen zu vermitteln. Diese Tätigkeit führte ich bis 1987 aus bis die sogenannte DAC in der bestehenden Form aufgelöst wurde. Anschließend wechselte ich in die Einkaufsabteilung und war zuständig für Schrott und Walzen als wichtige Komponenten zur Stahlherstellung. Ab 1994 war ich wieder im Werk Differdingen als Verantwortlicher der Schrottannahme. Eine wichtige Auf-gabe war u.a. die Anlieferung 100 Lkw und 50 Waggons pro Tag zu organisieren, also Logistik. Ich kannte die Abfahrtzeiten aller Güterzüge in Düsseldorf und Köln auswendig – wehe, da kam etwas dazwischen. Ich organisierte auch die Zwischenlagerung und die Beladung der Körbe für die Elektroöfen.

Deine Fähigkeiten haben wir später kennen gelernt: Bei unserer 15 Jahr-Feier, die wir etwas schluderig organisiert hatten, haben Du und Deine Frau uns sehr aus der Patsche geholfen. Dafür waren wir sehr dankbar. Hättest Du einen Rat für uns, woran wir sonst noch arbeiten müssen?

Vielleicht ein Tipp für die Kolleg*innen im Verwaltungsrat, bezugnehmend auf das, was ich als Präsident der Liga CTF und der Ehrenamt-Agentur gelernt habe: Im ersten Mandat ver-suchst du die Ideen, die Du im Kopf hast, einzubringen. Im zweiten Mandat geht es weiter um die Umsetzung. Und im dritten Mandat um das Konsolidieren. Du wirst konservativ, bist neuen Ideen gegenüber nicht mehr so aufgeschlossen. Dann ist es Zeit zum Rücktritt.

Sehr schön, Danke für das Gespräch!

Unsere Fotos zeigen Jean Kieffer bei verschiedenen Mitgliederversammlungen und internen Workshops von etika der vergangenen zehn Jahre.

Artikel vom 31. August 2021