Jetzt gefragt: Solidarität in der Krise

, von Ekkehart Schmidt





















Es sind Ausnahmezeiten - und da geht es ums Handeln, das richtige Tun! Und dabei um die Konzentration auf das Wesentliche, nämlich auf die Gesundheit von Eltern und Großeltern! Aber natürlich konsumieren wir weiter, wenn auch weniger, nur das wichtigste - vielleicht auch bewusster in der Auswahl? Zum Beispiel bio und regional?

Es geht um das Gemeinwohl. In der covid-19-Krise nimmt tatsächlich das Gemeinschaftsgefühl zu, sie kitzelt das Beste in uns hervor und ist auch eine Zeit der Mitmenschlichkeit und des Zusammengehörigkeitsgefühls geworden. Die meisten Geschäfte und Industriebetriebe, auch einige der von etika geförderten sozial-ökologischen Betriebe und Partner, sind durch die unumgänglichen Schließungen schwer getroffen und müssen - trotz staatlicher Hilfen - um ihre Existenz bangen. Die meisten haben eine treue Stammkundschaft, die sie weiter unterstützt. Wir möchten hiermit aber auch andere freundlich und herzlich zur Solidarität mit ihnen auffordern und insbesondere darum bitten, nicht auf den überregionalen Online-Handel zurück zu greifen, sondern lokale und regionale Händlerinnen und Händler zu unterstützen, von denen viele innovative Einkaufsmöglichkeiten geschaffen haben.

Virtuelle und soziale Lieferservice-Angebote

Die nächsten Wochen und Monate könnten entscheidend dafür sein, wie unsere Orte und vor allem Innenstädte zukünftig aussehen werden. Vor allem kleine Läden und die Gastronomie leiden unter den Auswirkungen der Krise, während große Online-Händler und europaweit agierende Lieferplattformen steigende Umsätze verzeichnen. (Weiter) Lokal einzukaufen hilft den Kleinunternehmern, sichert Arbeitsplätze in Luxemburg und vermeidet Verkehr. Wer lebenswerte Städte und Ortskerne erhalten will, muss die Geschäftstreibenden vor Ort unterstützen. Nur so kann eine Verödung verhindert und die Nahversorgung dauerhaft gesichert werden.

Die vielleicht bekannteste des halben Dutzend luxemburgischer Lieferplattform ist der konventionelle Online-Supermarkt Luxcaddy. Schon seit 2018 gibt es auch die von der Studentin Mara Kroth und Johannes Heuschkel erstellte Plattform GoldenMe, die durch Nachbarschaftshilfe dazu beitragen sollte, Einsamkeit bei älteren Menschen zu bekämpfen. Auf ihrer Facebook-Seite ist ein Formular verfügbar für Menschen, die in ihrer Nachbarschaft helfen wollen. Zudem wurde eine Facebook-Gruppe Quarantine Support Luxembourg by GoldenMe gegründet.

Vier neue virtuelle Einkaufsmöglichkeiten wurden kürzlich geschaffen: Am 19. März wurde die Online-Plattform corona.letzshop.lu geöffnet, die (ausschliesslich) gefährdete Luxemburger gegen Entgelt mit einem Lieferservice unterstützt, die ihre Einkäufe nicht mehr selbst tätigen können. Am 9. April hat die luxemburgische Handelsföderation die Seite Kaaftlokal.lu online geschaltet, auf der jegliche Kund*innen mittels Einkaufsgutscheinen einkaufen können. Schon vorher hat eine Gruppe Studierender die Seite Nala.lu (für "Now Act Local Association") eingerichtet, die alle Betriebe auflistet, die einen Lieferservice eingerichtet haben. Die Regionalwährung Beki bat schon am 30. März um die Nutzung eines Bon-Systems: Solidaresch duerch d’Kris: ënnerstëtzt de lokale Commerce mat Bongen.

Und schließlich bieten auch Caritas, ProActif und die beiden Pfadfindergruppen konkrete Hilfe an: Die Caritas bietet eine Corona-Helpline für Personen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können oder Ängste haben, eine Telefonbetreuung (402131-999 bzw. helpline@caritas.lu).ProActif erledigt - gegen eine kleine Gebühr - für Senioren und andere Personen mit spezifischem Bedarf die Einkäufe (Tel. 27 33 44 750). Die Pfadfinder der FNEL bieten unter dem Motto "Jeden Tag eine gute Tat" einen Dienst für Hilfsbedürftige an: Sie erledigen Einkäufe, führen den Hund spazieren und gehen zur Post oder Apotheke (Tel.: 27400496, ba@fnel.lu). Ähnliches bieten verschiedene Ortsgruppen der Lëtzebuerger Guiden a Scouten(LGS) unter dem Motto "Bonne Action – Coronavirus" an. Auf ihrer Newspage haben sie eine Liste mit lokalen Helfer*innen eingegeben, die regelmässig aktualisiert wird (zentrale Tel.: 26 94 84).

Die üblichen Gruppenaktivitäten dieser beiden etika-Partner fallen aus. Aber sie machten aus der Not eine Tugend, indem sie am 30. März über "Scouting", dem Dachverband der Pfadfinder in Luxemburg die Initiative #Bitzdoheem ins Leben riefen. Drei wochen später hatten 400 Freiwillige 20.000 Schutzmasken genähnt, die sozialen und karitativen Organisationen kostenlos zur Verfügung gestellt wurden.

Wir haben 32 unserer Partner, aber auch 18 andere sozial-ökologische Betriebe und Initiativen direkt oder indirekt kontaktiert, um Ihnen mit folgende Liste 50 Möglichkeiten zu bieten, sie mit einer helfenden Geste - meist einem Einkauf - zu unterstützen.

Jetzt erst Recht sozial und ökologisch einkaufen

Lebensmittelläden kommen relativ gut durch die Krise. Die Bio-Supermarktkette NATURATA ist weiterhin geöffnet, schliesst aber von 13 - 14 Uhr, um die Läden zu desinfizieren. Biogros-Direktor Patrick Kolbusch erklärt bei Radio 100,7, warum niemand Hamsterkäufe machen muss. Ähnliches gilt für den Laden Mullebutz-Alavita, der jetzt nur von 7 - 16 Uhr geöffnet ist, sowie die Epicerie bio Alavita in Junglinster. Weiterhin geöffnet sind die Epicerie Am Duerf (auch das Restaurant), die Metzlerei Oswald (jetzt Niessen), die auch einen speziellen kostenlosen Lieferservice anbietet und die Boulangerie Tartefine BIO (ehemals Scott). Die Epicerie bietet einen Lieferservice, der von 8 - 10 Uhr vorbereitet und nachmittags bedient wird. Daher macht die sie erst um 10 Uhr auf und schließt um 16 Uhr - dabei wird insbesondere Rücksicht auf ältere Personen genommen, indem diese von 10 - 11 Uhr exklusiv Zutritt haben (mehr dazu auf ihrer Facebook-Seite).

Geschlossen hat die BioButtek in Differdingen: "Wir funktionieren im Moment nur auf Bestellung. Unsere Kunden mailen uns ihre Bestellung, wir verpacken die Waren und die Pakete können dann abgeholt oder von uns im Raum Differdingen geliefert werden", so Corinne Lauterbour (Bestell-Adresse: hello@debiobuttek.lu). "Da wir dieses Angebot personalmäßig nicht zusätzlich zum normal laufendem Ladenbetrieb aufrechterhalten können, haben wir uns im Moment auf die Bestellungsmodus beschränkt. Das ist für alle der sicherere Weg, ist für uns besser planbar und erspart der Kundschaft lange Wartezeiten." Ebenfalls geschlossen haben das kleine, zu enge Naturstiffchen und beide OUNI-Läden in Luxemburg und Dudelange. Letztere bieten aber einen Mitnahme- und Lieferservice an.

Viel schwerer getroffen hat es Restaurants, Cafés, Non-Food-Einzelhändler, Bildungs- und Veranstaltungsbetriebe. Der Radreise-Anbieter Velosophie musste ebenso schließen wie das Kulturzentrum Altrimenti, in dem wir unsere mittäglichen Vortragsverantaltungen durchführen. oder die Cinémathèque, in der wir eigentlich jeden ersten Montag im Monat Dokumentarfilme zeigen. Auch 4motion oder Sleeves Up können ihre Fortbildungen zurzeit nicht anbieten.

Besonders bitter war das auch für Laure Cales, die eben erst ihren Laden "Pilea" in der rue Glesener eröffnen wollte. Er bietet eine Kombination aus Second Hand Geschäft und Café mit fast ausschließlich regionalen Produkten. "Ich muss aber natürlich brav Miete zahlen", sagt sie. Unterkriegen lässt sie sich nicht: "Die Leute können bei mir via Facebook und Instagram kaufen, das klappt auch ganz ok bis jetzt. Wenn mich jemand unterstützen möchte, kann er auch ganz gerne schon einen Gutschein im Wert von 10, 25 oder 50€ kaufen".

Monique Goldschmit von Velosophie schrieb in Ihrem Newsletter vom 11. April: "Mir hunn all eis Touren bis Enn Mee annuléiert". Konkret betrifft das auch die geplante etika-Tour vom 23. Mai: "Eventuell sind ab Juni Tagestouren möglich, ich bin aber eher darauf eingestellt, dass auch dies sich nur langsam wieder normalisiert." Auch ihr Geschäft im Grund musste bis zum 13. Mai geschlossen bleiben. Anders als befürchtet, konnte sie ab dem 26. MAi wieder Radtouren anbieten

Beim Akabo-Shop für bio und faire Bekleidung heisst es: "Weinst den aktuellen Evenementer hu mir decidéirt, dass es besser fir jidderen ass, wann den Akabobuttek bis op Weideres zou bleibt". Mangels eines operablen Online-Shops konnte man zunächst auch nicht virtuell bestellen, "obwohl unser Lager schon voll mit der neuen Sommerkollektion ist", sagte Karel Lambert Ende März. Am 6. April hieß es dann aber: "Vue dass de Buttek bis op onbestëmmten Zäit zou ass, hu mir sou gutt et geet probéiert en Webshop ob d’Been ze stellen. En ass net perfekt mee mir hunn eist Bescht ginn! Momentan plange mer d’Wueren 1 mol pro Woch ze liwweren. Leider musst Dir beim Check-out als Land ’Däitschland’ auswielen well eise Shop iwwert eng däitsch Applikatioun leeft a Lëtzebuerg net äuswielbar ass."

Sein Kollege Lucien Reger von Naturwelten, der vor allem Babysachen und Matratzen anbietet, wollte sich damit nicht abfinden. Er bot bis zur Wiedereröffnung am 11. Mai ein "Interaktives Video-Shopping per WhatsApp" an: "Wegen der aktuellen Situation in Europa muss unser Verkaufsladen bis auf weiteres geschlossen bleiben. Unser Online-Shop ist weiterhin verfügbar. Da wir aber bei weitem nicht unser gesamtes Angebot in unserem Online-Shop haben, bieten wir dir die Möglichkeit eines interaktiven Video-Einkaufs mit persönlicher Beratung via WhatsApp an, damit du auch jene Produkte kaufen kannst, die online nicht verfügbar sind." So funktioniert’s: "Rufe uns während den normalen Öffnungszeiten (Montags-Freitags 9-18h; Samstags 9-17h) mit der WhatsApp-Videofunktion auf folgender Nummer an: 621 616 841. Sag uns, welche Artikel dich interessieren. Wir begleiten dich mit der Videofunktion des Smartphone durch unseren Laden. So können wir dir alle Artikel, die sich im Laden befinden, zeigen und dich persönlich beraten, so als wenn du selbst bei uns im Laden stehen würdest." Bezahlt wird dann, indem man im Online-Shop zur "Kasse" geht. Mehr dazu auf der Homepage und in einem Artikel im Tageblatt.

Gegenüber Radio 100,7 sagte er Anfang April: ""Mir hoffen natierlech, datt et nach bësse méi Succès kritt wéi den Ament. Den Ament hu mer véier bis fënnef Venten den Dag, mee ech si keen, deen d’Saach opgëtt. Lo stëlle mir eis der Erausfuerderung a lo kucke an hoffe mir, datt mir déi ganz Saach minimal um Lafe behalen, datt mir déi Zäit kënnen iwwerbrécken."

Das Bio-Restaurant Casa Fabiana hatte bis zum 11. Mai geschlossen (auch keine plats à emporter) und zunächst auch darauf verzichtet, einen Lieferservice einzurichten. Stattdessen erhielten die Stammkunden wöchentlich per Newsletter Rezepte für drei einfach selbst zu kochende Speisen zugeschickt (Beispiel vom 22. März). In den Newsletter einschreiben kann man sich hier. Die Küche konnte am 11. Mai erstmals wieder arbeiten: Man kann Mittagsgerichte abholen oder sich ins Büro liefern lassen (Details). Ab diesem Datum dürfen Cafes und Restaurants unter Auflagen wieder eröffnen. Einen Mitnehm- bzw. Lieferservice bieten auch die vegetarischen Restaurants "Flowers Kitchen" und "Glow" sowie "Exki".

Auch viele der Transition-Projekte von CELL liegen zur Zeit auf Eis, so haben Café, Mittagstisch und Laden der Mesa in Esch/ Alzette geschlossen. Dafür werden konzeptionelle Arbeiten fortgeführt und virtuelle "Resilience Cafés" angeboten: das erste mit Katy Fox fand am 3. April statt, das zweite am 16. April hatte "stress-testing the Luxembourg food system" zum Thema, das dritte am 29. April "Personal Resilience", beim vierten am 7. Mai ging es - unter Beteiligung von etika - um Alternative Finanz. In einem Artikel "Osons!" richtet Delphine Dethier den Blick über den Tellerrand auf die Hintergründe und Konsequenzen der Krise - ohne den Mut für eine bessere Zukunft zu verlieren. Das Team von Benu Villages Couture hat sich etwas naheliegendem gewidmet: der Produktion von Atemschutzmasken, selbstredend ökologisch korrekt hergestellt und zudem ästhetisch ansprechend - als Alternative zu Produkten aus Südostasien. Sie scheinen sehr gut anzukommen.

Das Saatgut-Projekt SEED (Som fir d’Erhalen an d’ Entwécklung vun der Diversitéit) bietet - da die öffentlichen Verteilerstellen zurzeit geschlossen sind - einen Bestellservice per Email über info@seed-net.lu. Sortenlisten und Versandbedingungen finden sich auf der SEED-Webseite. Frank Adams von SEED betont freilich: "Allerdings machen wir den Versand wirklich nur ausnahmsweise. Das ist ziemlich viel Arbeit, so viele kleine individuelle Bestellungen abzuwickeln. Ich mache das abends und am Wochenende. Wir sind natürlich froh, dass das Interesse an lokalem Saatgut wächst. Wir haben auch angefangen an professionelle Gemüsegärtner zu vermarkten. Wir arbeiten zurzeit an Lösungen, wie man Strukturen schaffen und die anfallende Arbeit auf mehrere Leute verteilen kann."

Während die Biobauern in ihrer Produktion zunächst kaum beeinträchtigt waren, stellt sich mit Fortlauf der Beschränkungen und insbesondere der Restaurants zunehmend ein Absatzproblem: Während Höfe wieClees in Steinsel weiterhin auf Märkten verkaufen konnten, werden diejenigen Probleme bekommen, die nicht an BIOG und Discounter liefern, sondern vor allem Restaurants direkt beliefern - zu ihnen zählt auch die Direktvermarkterin Sandrine Pingeon in Münsbach. Man kann viele dieser Landwirte durch einen Kauf auf deren Hofläden unterstützen, zum Beispiel auf dem Kass Haff.

Ferner sind auch Projekte der Wiedereingliederung wie Polygone, Inter-Actions oder Co-Labor betroffen. Letztere mussten in Bertrange den Restaurant-Snackbereich, die Baumschule und das Pflanzen- und Werkzeuggeschäft bis Mitte Mai schließen, während der Bio-Lebensmittelladen geöffnet blieb. Die Schliessung des Gartenbereichs traf Co-Labor zu Beginn der Saison "zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt", sagt Direktor Marc Ries. Auch der Abonnementdienst Grénge Kuerf kann seit dem 18. März keine neuen Kund*innen mehr aufnehmen, die Bio-Körbe werden aber weiter geliefert. "Desweiteren haben wir ein zusätzlichen Lieferservice und ein Drive-In ab nächster Woche geplant", so Marc Ries: Der Lebensmittel-Lieferservice lief am 7. April an.

Bei den Jugendhäusern von Inter-Actions hat man Online-Lösungen für eine vergnügliche Beschäftigung gefunden, während man in anderen Projekten die Zeit zum aufräumen und Verbessern der Infrastruktur nutzt.

Auch Projekte zur Unterstützung von "Randgruppen", wie Stëmm vun der Strooss, die von Inter-Actions, dem Roten Kreuz und der Caritas organisierten Wanteraktioun oder der Fixerstuff sind in ihrer Arbeit stark eingeschränkt, letztere wurde aber über die sonst übliche Zeit hinaus verlängert. "Zu Hause bleiben"? Was heißt das für Obdachlose und auf der Straße lebende Junkies?

Bei der Anlaufstelle der Stëmm kann man mittags nur noch außerhalb essen. "Wegen der Corona-Krise wird das Essen nur noch auf der Straße vor der Stëmm ausgeteilt", teilte die Präsidentin, Alexandra Oxacelay, dem Tageblatt mit. Mitte April nannte sie die Zahl von 400 Speisen, die täglich kostenlos in Hollerich und Esch verteilt werden. MAn erhalte freilich kaum noch Lebensmittelspenden von Restaurants, aber es habe einige Geldspenden gegeben. "Die anderen Angebote, wie die Kleederstuff, wo sich die Bedürftigen neue Kleider aus Kleiderspenden aussuchen können, sowie die öffentlichen Duschen können bis auf unbestimmte Zeit nicht genutzt werden". Die Wanteraktioun organisiert weiter ein warmes Bett für Obdachlose in Findel, nur die Prozedur ist etwas komplizierter geworden. Die "Foyers de Nuit" von Caritas und Rotem Kreuz sind dagegen momentan geschlossen.

Auch das von etika geförderte Projekt Abrigado, ein medizinisch und sozial betreuter Drogenkonsumraum, funktioniert - ähnlich wie Krankenhäuser - eingeschränkt weiter. Es wurden Maßnahmen getroffen, die Sucht weiter zu befriedigen und die Gesundheit aller Anwesenden zu gewährleisten: Einlass weniger Menschen als sonst, in gebührendem Abstand, Spritzenaustausch wie üblich, aber kaum noch Kontakt zu den Mitarbeiter*innen.

Medien wie die Wochenzeitung woxx produzieren weiter, wenn sich die Redaktion auch nur noch virtuell für die Heftplanung zusammenfindet und Interviews per Videokonferenz abhält. Die Veranstaltungsseiten "Agenda", die bislang die Hälfte der Printausgabe füllte, sind freilich weitestgehend leer. Man hat umgedacht und weiß, wie der Kultur-Hunger der Leser*innen trotzdem gestillt werden kann: "Wir knöpfen uns seit neustem Online-Ausstellungen, Podcasts, Videospiele, eBooks sowie streambare Kulturevents, Musik, Filme und Serien vor", heißt es im telexx vom 10. April. Gut zu wissen, dass die üblich kritische Berichterstattung nicht eingeschränkt ist, wenngleich man sich über zurückgegangene Einnahmen durch Anzeigen sorgt.

Ferner ist es sehr wichtig, dass auch Migrant*innen verstehen, was los ist. Unsere Partner CLAE, ASTI und Radio Ara kümmern sich darum. Radio Ara hat zu Corona Podcasts in verschiedenen Sprachen produziert: QuARAntine News. Die ASTI machte Ende April auf die besonders schwierige Situation von Migrant*innent ohne Paiere aufmerksam, die zum Betteln bzw. informellen, prekären Beschäftigungen gezwungen sind bzw. deren Arbeitgeber haben schliessen müssen. Sie haben keinen Anspruch auf staatliche Hilfen. ASTI bittet um Spenden.

Aktivitäten in den virtuellen Raum verlagert hat am 2. April auch natur&ëmwelt: Der Zusammenschluss von Naturschutz-Initiativen hat für ein Jahr eine "Conscious Challenge" auf Instagram und Facebook ins Leben gerufen. "Wir fordern unsere Follower und die, die es noch werden könnten, heraus eine Wochenchallenge und eine einmalige Wochen-end- Herausforderung zu absolvieren", erklärt Sabrina Schaul. Jeden Montag und Donnerstag erwarten einen insgesamt 100 Aufgaben zu Themen wie Achtsamkeit, Ressourcenschonen und Naturschutz. Die Resultate (Fotos und Videos) können in Stories oder Posts mit dem Hashtag #ConsciousChallenge und #100joer markiert werden (mehr dazu hier). Der Meco hat die Zeit genutzt, eine kleine Broschüre herauszugeben, in der nach der Devise "grad elo zukunft nei gestalten" ein Ausblick auf die Welt Post-Corona gegeben wird.

Internationale Solidarität

Während die sozialen Sicherungssysteme und schnell aufgelegte Hilfsmassnahmen viele Betriebe im Norden vor den Folgen fehlender Einnahmen schützen, ist dies in den überwiegend informellen Ökonomien des Südens nicht möglich. Die Menschen in 10- bis 20-Millionenstädten wie Abidjan, Dakar, Istanbul, Kairo, Lagos, Mumbai, Nairobi oder Teheran werden sich nicht lange per Ausgangsbeschränkung "einsperren" lassen können. Wenn sich nicht bald etwas ändere, werde es schon bald gewaltsame Unruhen geben, heisst es: „Die Menschen interessieren sich mehr für Nahrung als für Corona.

Für die Mitarbeiter*innen entwicklungspolitisch aktiver Vereine, die es gewohnt sind, über große Entfernungen und seltenem direktem Kontakt von Luxemburg aus zu arbeiten, ist die veränderte Situation im Berufsalltag nur auf den ersten Blick unproblematisch. Dennoch sind sie stark betroffen, wie François-Xavier Dupret vom Cercle des ONGD als Ergebnis einer Mitgliederbefragung schreibt: Viele Projekte vor Ort können ihre Arbeit kaum noch fortführen. Manche Vereine haben ihre Arbeit aber auch umgestellt und konzentrieren sich auf die Unterstützung des Gesundheitswesens vor Ort.

Die Nord-Süd-Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen in Luxemburg, beispielsweise der ASTM, steht dagegen völlig still. Dies gilt auch für politische Sensibilisierungsarbeit und Kampagnen. François-Xavier regt an, auf die Internetseiten dieser Vereine zu gehen, sich über deren Arbeit zu informieren und zu spenden - denn auch die Fundraising-Aktivitäten der meisten mussten wegen der Krise eingestellt werden. Letzteres gilt auch für den Direkt-Dialog von Greenpeace - aber man kann weiter online spenden.

Fatal erscheint, dass seitens des zuständigen Ministeriums bereits Gelderkürzungen angekündigt wurden, wie Magali Paulus von Frères des Hommes am 22. April schilderte. Eventuell ist die von all diesen NGOs aufgebaute Arbeit für längere Zeit nicht mehr möglich, während vor Ort die Krsen kumulieren. Fatal: Ausgangsbeschränkungen sind nicht umsetzbar, wenn die Bevölkerung vieler Länder in hohem Maße im informellen Sektor tätig ist und keine anderen Einnahmemöglichkeiten zum Überleben hat. Das berifft auch die Mikrofinanz, da abzusehen ist, dass Kreditnehmer ihre Kredite nicht werden abbezahlen können (siehe dazu eine Stellungnahme des LMDF). Schließlich droht auch, dass der luxemburgische Staat durch coronabedingte Mehrausgaben eventuell nicht weiter Gelder in Höhe von 1% des BIP in die Nord-Süd-Arbeit investiert, sondern kürzt.

All diese Organisationen benötigen weiterhin Spenden oder Investitionen.

Unser Appell

Verstehen Sie "Social distancing" als "Physical distancing" plus "Social solidarity"! Unterstützen Sie also den lokalen Handel durch Bestellungen über deren improvisierte Liefer-Angebote oder regionale Onlineshops. Oder warten Sie mit größeren Anschaffungen, bis die stationären Läden wieder geöffnet haben. Sehen Sie jeden lokalen Kauf als Investition in unsere, sozial-ökologischem Denken verpflichteten, Betriebe und sichern Sie so Arbeitsplätze. Sonst wachen wir nach der Krise in einer Welt auf, in selbst Einkäufe des täglichen Bedarfs nur noch bei Ketten oder online möglich sind.

Wie auch immer diese Betriebe und gemeinnützigen Projekte durch die Krise kommen - Monique Goldschmit von Velosophie meint: "Generell gesehen ist diese Ruhe ja gut, für die Natur, fürs Umdenken. Katastrophal finde ich allerdings das nicht mehr vorhanden sein von sozialen Kontakten, dies ist ebenso wichtig für unsere Gesundheit wie der Schutz vor einem Virus."

Recht hat sie. Und dennoch: Bleift doheem! Passt op Iech op! Lest mehr Bücher (was auch das ebenfalls bis zum 19. Mai geschlossene CITIM in einer bis zum 8. Mai laufenden Facebook-Challenge #LeLivreAuxTempsTT vorschlägt). Oder beteiligt euch an den virtuellen Aktionen von Fairtrade Doheem, zum Beispiel Kochrezepten und Kontakt zu Lieferanten, dem Spiel "Make chocolate fair", einem Fairtrade-Sudoku oder einer "Do it yourself"- und "Upcycling-Aktivität" für alte T-Shirts. Wenn euch das alles zu viel ist: Besucht einen Online-Yogakurs mit Helder Da Graça. Amusez-vous bien !

Villmols Merci!

Verwendete Quellen: Bilo, Mara: Klein hat Konjunktur, Luxemburger Wort, 24. März 2020; dieselbe: Hand in Hand. In Zeiten der Krise rücken Landwirte und Grosshändler wie La Provençale näher zusammen, Luxemburger Wort, 4. April 2020; Chassaing, Guillaume: "Nous donnons près de 400 repas en barquette chaque jour", le quotidien, 11. April 2020; derselbe: La Wanteraktioun réunie face au coronavirus, le quotidien, 11. April 2020; Damiani, Claude: Au chevet des toxicodépendants, le quotidien, 07. April 2020; Hermes, Sophie: Zeichen der Solidarität, Luxemburger Wort, 17. März 2020; Hoffmann, Armand: Die "Stëmm" verteilt Essen im Freien, Tageblatt, 21./22. März 2020; str: #Bitzdoheem-Initiative näht 20 000 Masken, Luxemburger Wort, 21. April 2020; VDL:Coronavirus: Informations utiles, Service Seniors.

Weitere solidarische Aktivitäten - vom Masken nähen bis zur Versorgung von Krankenhauspersonal mit Schokolade - hat derPaperjam am 21. April zusammengetragen.

Artikel vom 31. März 2020, zuletzt aktualisiert am 25. Mai