Was ist Greenwashing? Und wie erkenne ich es?

, von Ekkehart Schmidt

















Mitte Juli 2021 erschien ein leicht gekürztes Interview von etika-Mitarbeiter Ekkehart Schmidt auf dem Blog unseres Kooperationspartners Spuerkeess: "Was ist greenwashing und warum ist es ein Problem?". Wir übernehmen den Ursprungstext für unsere Homepage und wollen ihn künftig regelmässig aktualisieren und dabei auch konkrete Beispiele benennen.

Seit einer ersten Veranstaltung 2019 mit Aline Fares und Lora Verheecke verstehen wir unsere Aufgabe als unabhängiger Verein der ethischen oder transformativen Finanz auch so, dass wir Privatanleger dabei unterstützen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Was ist Ihre Definition von Greenwashing?

Wenn es auch banal klingt: Der Begriff „Greenwashing“ besteht aus zwei Teilen. Bei „Green“ denkt man an die dominante Farbe in der Natur. Im Sprachgebrauch steht „Grün“ für Umweltverbundenheit und Natürlichkeit. Das Wort „Washing“ bedeutet Waschen, in diesem Zusammenhang aber insbesondere Reinwaschen. Historisch entstand diese Begrifflichkeit in Anlehnung an „Whitewashing“: zur Zeit der Prohibition hat der Gangster Al Capone Waschsalons aufgekauft, um durch deren Kasse – nicht etwa die Waschmaschinen – „schmutzige“ Erlöse aus dem verbotenen Verkauf von Alkohol an der Steuer vorbei zu schleusen. Später wurde der Begriff genutzt, um illegale Wirtschaftsaktivitäten zu verbergen. „Weiß“ steht also nicht für Unschuld.

Seit einigen Jahrzehnten bezeichnet man mit „Greenwashing“ solche Kampagnen und PR-Aktionen bei denen einzelne Produkte, ganze Unternehmen oder politische Strategien in ein „grünes“ Licht gestellt werden, sodass der Eindruck entsteht, die Akteure würden besonders umweltfreundlich, ethisch korrekt und fair handeln – auch wenn das nicht stimmt. Eher neu ist der Begriff „Socialwashing“, bei dem es um die Verschleierung problematischer Arbeitsbedingungen geht.
Genutzt werden diese Praktiken, weil viele Kunden bereit sind, auch höhere Preise für nachhaltige Produkte zu zahlen. Da eine echte Umstellung auf nachhaltige Produkte für Unternehmen aber in der Regel mit hohen oder höheren Kosten verbunden sind, wird stattdessen so getan als ob.

Greenwashing ist nicht neu. Hat das zuletzt zugenommen und wenn ja warum?

Ja, eindeutig. Es gibt kaum noch ein Massenprodukt mehr, das nicht auch als „bio“, „fair“ oder „nachhaltig“ angeboten würde: von Flugreisen mit Ausgleichszertifikat über nachhaltiges Palmöl bis hin zu Rindfleisch von „brasilianischen Wellness-Farmen“, wie Kathrin Hartmann in „Die grüne Lüge“ schreibt.

Besonders auffällig ist dies seit ein bis zwei Jahren im Bereich der Finanzprodukte. Kunden, vor allem institutionelle Anleger fragen nachhaltige Produkte nach. Wenn man aber nicht „liefern“ kann, muss man so tun als ob, um die Erwartungshaltung zu befriedigen und sich auch gegenüber Wettbewerbern zu profilieren. Die Global Sustainable Investment Alliance hat in vielen Studien gezeigt, dass die Zahlen zu Socially Responsable Investments (SRI) massiv steigen.

Man kann auch davon ausgehen, dass die EU nicht eine Regulierung solcher Produkte auf den Weg bringen würde (die so genannte Taxonomie), wenn es nicht ein Problem gäbe. Das Problem ist: Der Finanzsektor muss gemäß dem Klimaabkommen von Paris Gelder in „grüne“ Bereiche investieren. Um wirklich „Paris conform“ zu werden darf nicht nur so getan werden, als ob.

Was genau ist - neben dem Faktum, Konsument*innen zu täuschen, was zu Misstrauen führt - an Greenwashing problematisch?

Es ist deswegen ein Problem, weil es nicht um die moralische Frage geht, ob Konsumenten in die Irre geführt werden oder immer misstrauischer würden. Es wird ja auch selten gelogen. Wir sprechen mit Blick auf die Klima- und Biodiversitätskrise aber von einem globalen Problem, das unser aller Existenz gefährdet. Und wenn wir uns da eine Lösung vorgaukeln, verschieben wir das Problem in die Zukunft. Wir kommen ja nicht um eine Lösung herum. Und umso länger wir das nicht angehen oder uns mit Scheinlösungen zufriedengeben, umso teurer wird es.

Es geht nicht um Ethik bei Geschäftsmodellen, sondern um die notwendige Transformation einer Wirtschaft, die zu großen Teilen noch auf der Externalisierung sozialer und ökologischer Folgen beruht. Für echte Preise, also solche, die schädliche Produktionsweisen internalisieren, brauchen wir Transparenz durch alle Lieferketten. A propos „schädlich“: Greenwashing ist nachteilig für alle. Nur nicht für die Unternehmen – glauben sie jedenfalls. Dabei zerstören sie damit ihr wichtigstes Kapital: Ihre Glaubwürdigkeit und damit auch ihr Image.

Ist die derzeitige Regulierung effektiv?

Welche Regulierung? Es gibt keine! Das ist gerade bei Investmentfonds problematisch, weniger zum Beispiel bei Bio-Produkten, weil es da sichtbar nachhaltige Alternativen gibt. Bei beiden Produkten gibt es aber bislang nur Labels/ Siegel. Das ist immerhin etwas. Aber wir können optimistisch sein, weil sich die EU gerade sehr ernsthaft daran macht, eine Regulierung zu erarbeiten.

Mit Blick auf Luxemburg: Welche Sektoren sind von Greenwashing betroffen?

Als ein Land, dass sehr stark vom Dienstleistungssektor und dabei insbesondere dem Finanzplatz dominiert wird, haben wir weniger ein Problem mit bestimmten Industriezweigen, als andere Länder. Der Finanzplatz ist vor allem ein global bedeutender Standort für Investmentfonds. Daher hat etika schon zwei Mal die Fondsindustrie untersucht und einen Guide für nachhaltiges Investment erstellt, zuletzt 2009.

Eine 2021 erschienene Studie von Greenpeace hat hier viel Greenwashing nachgewiesen. Eine andere Greenpeace-Studie von 2020 zeigte ferner, dass viele der grössten Fonds weiterhin in fossile Energien investieren.

Wir haben das damals nicht so benannt, sondern wollten vor allem die wirklich nachhaltigen Fonds nennen. Wir haben damals alle Fonds untersucht, deren Namen Nachhaltigkeit suggerierten, zum Beispiel „Wasser“ oder „Renewables“. Da mussten wir schon genau im Investitionsprospekt nachschauen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Es reicht nicht, sicher zu sein, dass die Gelder tatsächlich in Wasserkraftwerke investiert werden: Es gibt zum Beispiel in Brasilien Staudämme zur Stromerzeugung, für deren Bau nicht nur Natur zerstört, sondern auch die indigene Bevölkerung vertrieben wurde. Das ist dann das Gegenteil von nachhaltig, wenn diese Menschen danach zu Bewohnern der Favelas von Grossstädten werden…

Viele Unternehmen sagen, dass sie nachhaltig handeln und eine Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen. Wie können Konsument*innen sicher gehen, dass deren Produkte wirklich nachhaltig sind?

Konsumenten müssen bei solchen Aussagen vor allem darauf achten, ob die Unternehmen von ihren internen Abläufen oder ihren Produkten sprechen. Es hilft wenig, wenn auf dem Dach Solarzellen liegen und die Kantine auch Biofleisch im Angebot hat, wenn die Produktionsweise unverändert bleibt. Oder wenn das Angebot neben den zehn nicht-nachhaltigen alten Produkten zwei neue hinzugefügt werden, die nachhaltig sind. Das betrifft vor allem die Nahrungsmittel-Industrie.

Ferner darf man nicht alles glauben, was einem in Wort und Bild suggeriert wird. Da wird oft mit Begriffen versucht, eine Vorstellung zu erzeugen, die nicht zutrifft: Hinter Worten wie „traditionelle Herstellung“, „handwerklich“ bzw. „artisanale“ versteckt sich zu oft doch eine halb-industrielle Herstellung. Häufig geht Nachhaltigkeit nicht über die Bezeichnung hinaus. Oder nehmen wir Eier oder Fleisch aus Massentierhaltung, von deren Etikett ein lachendes Huhn oder ein lustiges Schweinchen grüsst. Hier gilt es vor allem, ein gesundes Misstrauen zu entwickeln und auf glaubwürdige Label zu achten. Oder einfach auch den Händler zu fragen! Also: Sich informieren und Transparenz einfordern.

Andererseits: Wie können Firmen sich in richtung nachhaltiger Lösungen entwickeln? Inwiefern sollte das Top-Management die Unternehmenskultur verändern?

Am besten sollten sie sich an Pionieren des Nachhaltigkeitsmanagements wie dem Otto-Versand orientieren. Dort wurde die Erfahrung gemacht, dass solche Prozesse „top-down“ zu entwickeln sind. Nachhaltigkeit muss ein selbstverständlicher Teil der Unternehmenskultur und Identität werden. Die oberste Ebene muss ins Team vermitteln: Wenn ihr ein Problem seht, möchten wir das nach zwei bis drei Tagen kommuniziert haben und nach zwei bis drei Wochen eine Lösung vorgeschlagen bekommen. Sustainibility muss „Chef*innensache“ sein, weil es eben um viel mehr geht, als nur Marketing. Generell sollte ein Betrieb viel ganzheitlicher gesehen werden. „Grün“ ist nicht isoliert zu sehen sondern ein Teil von Nachhaltigkeit, neben dem Wohlergehen der Mitarbeiterinnen und Zulieferer. Das ist ein Gesamtkonzept, welches im Idealfall konsequent auf alle Unternehmensbereiche anzuwenden ist.

Etika ist seit 25 Jahren unser Partner. Können Sie uns etwas über unsere Zusammenarbeit erzählen? Was waren die Herausforderungen? Was waren die Highlights?

Die schönste Anekdote dazu ist vielleicht, wie 2018 die Zeichnung von mir oben im Titel entstand: Ich hatte für einen Text zum Alternativen Sparkonto ein Foto abgegeben, auf dem ich keine Krawatte trage - wie bei NGOs üblich. Mir wurde dann eine angemalt – wie bei Banken üblich. Und zwar knallrot in der Spuerkeess-Farbe. Gewissermaßen „Redwashing“, damit ich seriöser herüberkomme!

Das steht für mich exemplarisch für diese im Januar 1997 begonnene Kooperation zweier recht ungleicher Partner. Aber ich glaube, wir haben durch die Kombination unserer Stärken ein erfolgreiches Produkt entwickelt. Zunächst war es eine große Herausforderung, das Sparkonto gut zu vermarkten. Da half uns vor allem die Finanzkrise, über die wichtigen symbolischen Marken von 1000 Konten und 50 Millionen Euro zu springen. Mittlerweile haben wir mit dem Geld weit über 200 soziale und ökologische Projekte finanziert: Vom Biobauern in Hupperdange über die Stemm vun der Strooss in der Stadt bis hin zu großen Photovoltaik-Anlagen auf Firmendächern in Bettembourg. Und sie alle in ausführlichen Beschreibungen transparent präsentiert.

Unsere Spuerkeess-Counterparts waren sicher nicht immer froh über unsere sehr strengen Kriterien der Kreditvergabe. Aber ich denke, wir können stolz sein über diese Rolle als Pionier wirklich nachhaltiger Finanz. Auch unser zivilgesellschaftliches Engagement, vor allem die beharrliche Sensibilisierungsarbeit für Ethik in der Finanz hat vielleicht nicht immer jedem geschmeckt.

Wie haben sich die Verbraucher in den letzten 25 Jahren verändert? Was ist der größte Unterschied zwischen heute und damals?

In der Finanzkrise 2008 und nun in der Covidkrise wurde vielen Menschen klar: Wir können nicht weiter so wirtschaften, wie bisher. Sie haben verstanden, dass man nicht nur auf den Preis und die Rendite schauen darf, sondern auch auf ökologische und soziale Faktoren. Sie fordern jetzt einen echten Wandel ein und pochen auf Transparenz. Beides müssen essenzielle Bestandteile jeder Nachhaltigkeitsstrategie von Unternehmen und Banken werden. Die Konsumenten sind nicht mehr bläuaugig.

Was ist Etika’s "mission" für die Zukunft?

Jetzt bewegt sich der Bankensektor endlich. Es geht viel in die richtige Richtung, aber es bleibt noch ein weiter Weg und braucht unabhängige Akteure, die den Weg kritisch begleiten. Insofern freuen uns auf viel Arbeit in nächsten Jahren. Unsere alten Ziele von 1996 sind aber nach wie vor aktuell, vor allem in Bezug auf Greenwashing und eine echte Finanzwende. Es geht jetzt auch um mehr als um Ethik: Wir verstehen uns mit Blick auf die Klima- und Biodiversitätskrise als Akteur der „transformativen“ Finanz, ähnlich wie sich Spuerkeess kürzlich als „Transition enabler“ neu positioniert hat. Wir hoffen, weiter viel bewegen zu können – auch mit neuen gemeinsamen Produkten, die wirklich „grün“ sind.

Was sind Ihre fünf nützlichen Tipps zum Thema Greenwashing?

Vielleicht sind es folgende Begriffe:

  • Werte abwägen: Man sollte lernen, im Dreiklang zu denken: Ein verlockender Preis ist nur ein Kriterium, die anderen beiden sind die sozialen und ökologischen Folgen der Herstellung.
  • Aktiv nachfragen: Händler kann man fragen, ob sie ein Produkt auch in Bioqualität oder erwiesener Nachhaltigkeit haben. Man kann Konsum als politischen Akt sehen: Nachhaltige Verkäufer/ Produzenten durch einen Kauf unterstützen, die anderen meiden.
  • Wahrnehmung: Der einfachste Weg, um herauszufinden, ob ein Unternehmen oder eine Marke "Greenwashing" betreibt, ist die Recherche nach Zahlen oder Nachweisen, die ihre Behauptungen stützen, anstatt sie für bare Münze zu nehmen: Werden bei Behauptungen über Emissionsreduzierungen relative oder absolute Zahlen angeben? Wie ist das Verhältnis von Investitionen in erneuerbare Energien oder Energiesparmaßnahmen zu den gesamten Investitionen?
  • Gesundes Misstrauen: Falls ein Verdacht besteht, dass es große Unterschiede bei Produkten gibt, sollte man versuchen die neutralsten und unabhängigsten Institutionen zu finden, die einem bei der Auswahl helfen: Gute Quellen sind zum Beispiel Öko-Test (LINK: https://www.oekotest.de/) oder Verbraucherzentralen.
  • Analysieren und Suchen: Man sollte bei häufig gekauften Produkten nicht aufgeben, die wirklich guten zu suchen. Was auch immer die Behauptung ist (organisch/Bio, Fair Trade, Öko, tierfreundlich, klimaneutral): auf der Verpackung finden sich bei seriösen Anbietern Siegel bzw. Label bekannter Zertifizierer.

Beispiele für Greenwashing-Methoden

















Fossile Energieerzeugung

Als "Mutter des Greenwashing" gilt BP. Zehn Jahre vor der Explosion ihrer Plattform "Deepwater Horizon" im Jahre 2010 hatte sich "British Petroleum" von einer Agentur ein grünes Image erstellen lassen. Das Kürzel BP blieb, stand nun aber für "Beyond Petrol" (über Erdöl hinaus), das Logo verwandelte sich von einemtrutzigen grün-gelben Ritterschild in eine freundliche grün-gelbe Sonne und man versprach, verstärkt in Sonne und Energie zu investieren. Statt den Imagewechsel tatsächlich durch eine Reduktion der Erdölproduktion zu untermauern, wurde das Erdölgeschäft sogar erweitert, während in erneuerbare Energien nur in homöopathischer Weise investiert wurde.

Dokumente aus den 1980er Jahren zeigen, dass das Mineralölunternehmen Shell schon damals über den Treibhauseffekt und die Rolle von fossilen Energien Bescheid wusste – dieses Wissen aber bewusst geheim hielt. Da der Ölverbrauch deutlich zurück geht, versucht man nun, in den Markt der erneuerbaren Energien einzusteigen. „Was bist du bereit zu ändern, um dabei zu helfen, Emissionen zu reduzieren?“ – diese Frage stellte ausgerechnet Shell im November 2020 auf Twitter. Die Antwortmöglichkeiten: Emissionen kompensieren, aufhören zu fliegen, ein Elektrofahrzeug kaufen oder erneuerbare Energien wählen. Das Ergebnis war ein Sturm der Entrüstung über eine Firma, die für den Klimawandel mitverantwortlich ist, mit solchen Fragen aber von sich selbst ablenkt. „Die Unverschämtheit von Shell EUCH zu fragen, was IHR bereit seid, zu ändern“, hiess es prägnant. Auch Greta Thunberg schaltete sich ein: „Endlose Greenwashing-Kampagnen“ verhindern den nötigen Wandel, so die Aktivistin. Konzerne wie Shell investieren zwar seit einiger Zeit auch in erneuerbare Energien. Zugleich setzen sie aber alles daran, ihre Ölförderung, Gas- und Kohlekraftwerke möglichst lange aufrecht zu erhalten. Das ist Greenwashing, auch weil sie das schönreden. Ganz ähnlich verhält es sich mit der neuen Kampagne "Ja sagen und C02 kompensieren" (Foto oben).

Wenn das Kerngeschäft eines Unternehmens an sich schon umweltschädlich ist, ist besondere Vorsicht geboten. In einer Kampagne mit einer Serie von Kurzfilmen benannte Greenpeace im Sommer 2021 die Einflussstrategien von TotalEnergies und insbesondere seine Soft Power. Damit gemeint sind die "sanften Methoden", die das Unternehmen anwendet, "um uns glauben zu machen, dass es für die Gesellschaft nützlich ist, und so seine Vorherrschaft durchzusetzen". Dies geschehe insbesondere durch Partnerschaften mit führenden Schulen (wie Sciences Politiques), Museen (wie dem Louvre) oder Sportorganisationen (wie der Rugby-Weltmeisterschaft 2023). Auf mehr oder weniger diskrete Weise dringe der Öl- und Gasmulti also in verschiedene Bereiche der Gesellschaft und unseres Lebens ein, "um unsere Wahrnehmung der Realität zu verzerren und so die gesellschaftliche Akzeptanz seines Wirtschaftsmodells zu erhöhen, auch wenn es die Zerstörung des Klimas verursacht".

Schon 2009 lieferte der deutsche Energie-Konzern RWE ein typisches Beispiel für Greenwashing. Im Werbevideo einer Kampagne spaziert der sogenannte „Energieriese“ durch eine Landschaft und steckt unter anderem Windräder in den Boden, um zu demonstrieren, welche Maßnahmen RWE zur nachhaltigen Energiegewinnung ergreift. Allerdings produzierte RWE zu diesem Zeitpunkt nur 2% des Stroms aus erneuerbaren Energien, wie Greenpeace damals klarstellte. Und der Konzern verursachte zu dieser Zeit 20 Prozent des deutschlandweiten CO2-Ausstoßes. Auch noch 2020 gibt RWE in einem Imagefilm große Versprechen. Und es stimmt, RWE habe seine Kapazitäten bezüglich erneuerbarer Energien um rund zwei Milliarden Euro aufgestockt. Das ist zwar ein guter Anfang, gleichzeitig ist Braunkohle aber weiterhin ein so essenzielles Gut für RWE, dass im Dorf Lützerath in Nordrhein-Westfalen Häuser abgerissen werden, um an die Kohle heranzukommen.

Automobilindustrie

Die meisten Automobilhersteller betreiben in mehr oder weniger starker Form Greenwashing. Ein besonders bekanntes Beispiel ist die Volkswagen AG mit ihrem Abgasskandal: Elf Millionen Dieselmotoren waren und sind von dem "Dieselgate“ betroffen. Eine manipulierte Software sollte dem Verbraucher umweltfreundliches Fahren vortäuschen. Der bewusste Täuschungsversuch flog auf. Mit weitreichenden Folgen, und dass nicht nur für den Automobilkonzern und seine Kunden. Der Abgasskandal wirft auch auf eben jene Unternehmen ein schlechtes Licht, die ernsthaft nachhaltiger wirtschaften wollen und dieses auch erfolgreich umsetzen.

Finanzindustrie

Kommen wir nun zu der Branche, zu der wir uns als Verein über unsere Kooperationen im Rahmen des Alternativen Sparkontos mit Spuerkeess sowie Bâloise Assurances dazu zählen. Hier ist zunächst zu sagen, dass der hiesige Finanzplatz insofern Greenwashing in grossem Stil betreibt, als zwar mit "Green Finance" ein ganzer neuer Sektor aufgebaut und massiv - auch im Kontext des "Nation branding" beworben wird, während gleichzeitig fossilen Energien ("Brown finance") kein Riegel vorgeschoben wird. Es hilft wenig, viele neue grüne Produkte zu entwickeln, wenn die alten unverändert ein anderes business model verfolgen. Nicht alles ist schlecht, aber die Wochenzeitung woxx hat auch nicht ganz unrecht, wenn sie schreibt: „Green Finance ist in Luxemburg nicht viel mehr als eine Marketingstrategie gegen den schlechten Ruf des Finanzsektors. Dem Klima bringt das rein gar nichts."

Auch bei der Nutzung von Nachhaltigkeitsstandards wie ESG, SDG, Impact für ein entsprechendes "Reporting" ist die Gefahr des Greenwashings groß: Wenn die Berichte nicht standardisiert sind und man nicht sehen kann, dass bestimmte Indikatoren (wie z. B. die CO2-Äquivalenz) in der Berichterstattung enthalten sind, können sich Finanzinstitute hinter einer beliebigen Anzahl von Berichtstaktiken verstecken, um grün zu erscheinen, aber nur sehr wenig an substanziellen Informationen liefern.

Laut der deutschen NGO "Urgewald", einem unserer Partner, sind die Geldhäuser bei weitem nicht so nachhaltig, wie sie es gerne wären. Eine häufige Masche ist, im internen Betriebsablauf (Kantine, Papierverbrauch, Flüge, Energiebezug) oder über Einzelaktionen (Bäume pflanzen, sozialen Organisationen zum Jahresende Geld schenken) nachhaltiger zu werden. Im Prinzip wäre das lobenswert, würden sie damit nicht davon ablenken dass bei ihren Finanzprodukten Nachhaltigkeit meist noch ein völliges Fremdwort ist.

Als Beispiel dafür soll die "Grüne Kreditkarte" der Sparkasse Saarbrücken benannt werden. Auf ihrer Homepage heisst es: "Möchten Sie sich gemeinsam mit uns nachhaltig engagieren? Es geht ganz einfach - mit Ihrer Grünen Kreditkarte! Wir (...) haben unsere Geschäftsstrategie um den Aspekt der Nachhaltigkeit erweitert und strukturell im Unternehmen verankert. Unser zertifiziertes EMAS-Umweltmanagement haben wir schrittweise und konsequent zu einem Nachhaltigkeitsmanagement weiterentwickelt. Durch die Mitgliedschaft beim Deutschen Nachhaltigkeitskodex konkretisieren wir unser Bestreben, die eigene Geschäftstätigkeit nicht nur in ökologischer, sondern auch in sozialer und ökonomischer Hinsicht noch systematischer zu steuern und letztendlich zu verbessern. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet für uns, neben ökonomischen auch ökologische und soziale Kriterien in der Geschäftspolitik und dem täglichen Handeln verantwortungsbewusst und gleichberechtigt zu berücksichtigen." Wohlgemerkt: Zwar bietet EMAS einen sehr hohen Standard, aber es geht um die internen Abläufe, nicht um die Finanzprodukte, bei denen weiterhin soziale und ökologische Kriterien keine Rolle spielen. Das geht in dem Text etwas unter, wenn es weiter heisst: "Aus diesem Gedanken heraus wurde die Grüne Kreditkarte geschaffen. Durch den Erwerb der Grünen Kreditkarte unterstützen Sie automatisch mit 5 Euro jährlich ausgewählte nachhaltige Projekte. Wir, die Sparkasse Saarbrücken, verdoppeln diesen Betrag auf 10 Euro. Pro Jahr wird ein Vorhaben mit nachhaltigem Charakter mit mindestens 2.000 Euro unterstützt."

Obwohl es sich an dieser Stelle aufdrängt: Wir haben bislang darauf verzichtet, hiesige Akteure, die ähnliches praktizieren, im Sinne von "name and shame" zu benennen. Daher möge hier vorerst - neben dem obigen Verweis auf Greenpeace-Studien zur Luxemburger Fondsindustrie - nur ein aktuelles internationales Beispiel die Problematik der Branche benennen: Ende August 2021 wurde bekannt, dass die US-Börsenaufsicht offenbar gegen den Fondsanbieter DWS ermittelt. Dabei geht es um den Verdacht, dass die Tochter der Deutschen Bank Etikettenschwindel bei "grünen" Investments betrieben hat. Der Vermögensverwalter DWS, die Fondstochter der Deutschen Bank, soll zu nachlässig mit Kriterien für nachhaltige Investments umgegangen sein. Die US-Börsenaufsicht SEC und andere Behörden haben daher laut "Wall Street Journal" Ermittlungen aufgenommen, berichtet die Tagesschau.

Lebensmittelbranche

Dass McDonald’s als Fast-Food-Unternehmen mit starkem Fleischverbrauch nicht wirklich nachhaltig sein kann, ist vielen klar. Das Unternehmen unternimmt viel, um das Image grüner zu gestalten. Wie BP auch hat McDonald’s den Begriff Grünfärberei wörtlich genommen und das rote Logo vor ein paar Jahren in ein grünes umgewandelt. Aber an der Beschaffung der Rohstoffe, der Verarbeitung der Lebensmittel oder der hohen Abfallrate hat sich nichts geändert. Ferner zu nennen ist eine Kooperation mit Treedom, eine Organisation, die Bäume pflanzt. Diese Zusammenarbeit verbessert das Image von McDonald’s und lenkt von Regenwaldabholzung zur Rindfleischproduktion ab. Auch eine Video-Kampagne zum neuen veganen Burger, in der sich eine Waldschützerin und ein Holzfäller den Burger teilen, steht unter Greenwashing-Kritik.

Auch wenn mehr Geld für Werbung als für den Umweltschutz ausgegeben wird, ist Vorsicht geboten, wie die Regenwaldkampagne der Biermarke Krombacher von 2008 zeigt, bei der in einem Klimaschutzprojekt auf Borneo mit dem WWF zusammengearbeitet wird (letzterer ist ein ganz eigenes Thema), ohne dass sich intern etwas änderte. Die Kampagne ist eine der bekanntesten "Klimaschutzkampagnen" in Deutschland und zumindest stark umstritten, wie die taz 2012 schrieb.

In kaum einem anderen Industriezweig sind grüne Lügen sofest im System verankert wie bei derr angeblich nachhaltigen Palmölproduktion, hat Katrhrin Hartmann recherchiert. Am Beispiel des 2004 von Unilever gegründeten "Runden Tisches für nachhaltiges Palmöl (RSPO)" zeige sich die Problematik freiwillig gesetzter Standards, die nicht wirklich nachhaltig, sondern "extrem lasch" seien. So sind Abholzungen und hochgiftige Pestizide weiter erlaubt, während der RSPO wie ein grünes Siegel genutzt werde.

Textilindustrie

Primark als einer der bekanntesten Fast Fashion Produzenten äußert sich auf seiner Website zu Vorwürfen in der Produktionskette in Form des Statements „Primark cares". Greenwashing-Verdacht ergibt sich hier aus vagen und ausweichenden Formulierungen wie „Wir bemühen uns, diese Auswirkungen nach Möglichkeit weitestgehend zu reduzieren“. Auch wenn Primark Maßnahmen ergreift, ist das Unternehmen trotzdem wegen seiner Kostenführerschaft-Strategie so erfolgreich. Dass dabei genügend Wertschätzung in Form des Lohns entsteht, erscheint wenig realistisch.

Recht ähnliches lässt sich zu H&M sagen: Ihr Claim „More sustainable by 2030“ gilt als viel zu vage formuliert. Auch ihre jährlichen "Conscious Collections" und das Sammeln von Conscious Points beinhalten zwar Spuren von Nachhaltigkeit und sind ein Schritt in die richtige Richtung, allerdings sind die Produkte der Kollektionen nicht mit einem offiziellen Standard wie z.B. GOTS zertifiziert. Das Unternehmen wirbt damit, Bio-Baumwolle anzubauen. Doch der Begriff „Bio“ sagt nichts darüber aus, wie die biologisch angebauten Fasern weiterverarbeitet oder unter welchen Arbeitsbedingungen die Materialien hergestellt werden. Transparenz schaffen in diesem Fall ausschließlich anerkannte Textilsiegel. Genau an dieser Transparenz mangelt es. Die genauen Herstellungsbedingungen gibt das Unternehmen nicht preis. Die Einhaltung strenger Standards wird zwar beteuert, entsprechende Zertifizierungen wie GOTS kann H&M jedoch nicht vorweisen.
Und obwohl H&M einen hohen Transparenzgrad aufweist, bedeutet das nicht automatisch, dass die Arbeitsbedingungen fair sind. Es hilft zudem nicht wirklich, wenn alle anderen Kollektionen nicht "conscious" sind. H&M gelingt es aber, sich als grünes Vorzeigeunternehmen zu inszenieren.

Quellen und weitere Informationen:

Artikel vom 6. September 2021